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Der Aufbruch: #2/3
[IN PROGRESS: Selected Articles from the combined second/third issue of Joël's Journal will be posted in German over the coming weeks.]<Expanded 3/22/99>
[Table of Contents in English]
Herausgeber: Ernst Joël
Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena
1. Jahrgang. August /September 1915. Heft 2 / 3
Inhaltsübersicht:
SeiteWalt Whitman: Gedichte von Traum und Tat. Deutsch von Gustav Landauer...........................25 Rudolf Leonhard: Gelächter ...........................32 J. G. Fichte: Nächtstenliebe......................... 33 Sören Kierkegaard: Was man so einen Christen nennt....36 Hans Blüher: Was ist Antifeminismus?..................39 Ernst Joël: Von deutschen Hochschulen.................44 Kurt Hiller: Zeitschriften ...........................55 Gustav Landauer: Zum Problem der Nation...............59 Bernhard Reichenbach: Anti-Barbarus...................66 Tagebuch: Ein Führer - Drei Inserate - Vernunftstaat und Politik - Man nimmt einen Menschen - Kriegs- berichterstattung - Bisweilen überfällt ein Machthaber den andern ................................69 Mitteilungen..........................................72
Besondere Umstände wegen ist das August- heft mit dem Septemberheft vereinigt worden.
,,Der Aufbruch" erscheint monatlich und kostet halbjährlich M 2.50. Einzel-Heft: M - .50. Geschäftsstelle und Schriftleitung: Charlottenburg 4, Wielandstraße 18. Herausgeber und verantwortlicher Schriftleiter: Ernst Joël
Charlottenburg 4, Wielandstraße 18.
Druck von Gottfr. Pätz, Naumberg a.S.
Ständige Mitarbeiter: Friedrich Bauermeister (Berlin), Karl Bittel (Eßlingen), Hans Blüher (Berlin) , Paul Eberhardt (Orlamünde), Kurt Hiller (Berlin), Rudolf Leonhardt (Göttingen), Gustav Landauer (Hermsdorf b. Berlin), Hans und Bernhard Reichenbach (Hamburg), Alfred Wolfenstein (Charlottenburg) und die Herausgeber des ,,Anfang".
The Awakening
Overview of the Contents:
Page
Walt Whitman: Poems of Dreams and Deeds. German translation by Gustav Landauer........................25 Rudolf Leonhard: Laughter ...................................32 J. G. Fichte: Charity....................................... 33 Sören Kierkegaard: What one calls such a Christian...........36 Hans Blüher: What is Anti-feminism?..........................39 Ernst Joël: On German Colleges...............................44 Kurt Hiller: Journals...... .................................55 Gustav Landauer: On the Nationalist Problem..................59 Bernhard Reichenbach: Anti-Barbarus..........................66 Journal: A Leader - Three Advertisements - The Rational State - A Man is Taken - War Correspondence - At times a Ruler Takes Others by Surprise....................................................69 Communications...............................................72
Due to Special circumstances the August and September issues have been combined.
,,The Awakening" appears monthly and costs M 2.50. for a 6-month subscription. Single issues: M - .50.
Office and Redaction: Charlottenburg 4, Wielandstraße 18.
Editor-in-Chief: Ernst Joël
Charlottenburg 4, Wielandstraße 18.
Printed by Gottfr. Pätz, Naumberg a.S.
Standing Contributors: Friedrich Bauermeister (Berlin), Karl Bittel (Eßlingen), Hans Blüher (Berlin) , Paul Eberhardt (Orlamünde), Kurt Hiller (Berlin), Gustav Landauer (Hermsdorf b. Berlin), Rudolf Leonhardt (Göttingen),Hans and Bernhard Reichenbach (Hamburg), Alfred Wolfenstein (Charlottenburg) and the editor of the ,,Anfang" ["Beginning"].
Walt Whitman:
Gedichte von Traum und Tat
Deutsch von Gustav Landauer
Der mystische Trompeter
1.
- Horch, welch wilder Musikant, welch seltsamer Trompeter
- Unsichtbar heute nacht in Lüften schwebt und tolle Weisen schmettert.
- Ich höre dich, Trompeter, scharf lauschend vernehm ich dein Spiel,
- Jetzt um mich strömend, wirbelnd wie ein Sturm,
- Jetzt leise, unterdrückt, jetzt in der Ferne verloren.
2.
- Komm näher, Körperloser, vielleicht erklingt in dir
- Ein toter Komponist, vielleicht erdrückte dich
- Ein hohes Streben, ungeformtes Wollen,
- Chaotisch drängten sich Klangwogen, Ozeane stiegen,
- Daß nun dein Geist ekstatisch sich mir neigt und dröhnend schütternd
- seine Rhythmenflut
- Vertrauensvoll in meine, meine Ohren gießt,
- Daß ich sie übersetze.
3.
- Blase, Trompeter, frei und hell, ich folge,
- Und wie dein Vorspiel heiter froh verfließt,
- Schwindet die fressende Welt, die Straßen, die lärmenden Stunden
- des Tags,
- Heilige Stille senkt sich wie Tau auf mich nieder,
- Ich wandle in kühl erfrischender Nacht die Pfade des Paradieses,
- Mir duftet das Gras, die feuchte Luft und die Rosen;
- Dein Lied entfaltet den starr gefesselten Geist - befreit mich, läßt
- mich los,
- Ich schwimme wohlig im Himmelssee.
4.
- Blas nur, Trompeter! und vor die sehnden Augen
- Stell mir die alten Heiden, bring die feudale Welt.
- Was Zaubers wirkt dein Spiel! es tauchen vor mir auf
- Längst tote Herrn und Damen, Barone in ihren Schlössern, die
- Troubadoure singen,
- Gewappnet ziehn Ritter dem Unrecht entgegen oder suchen den
- heiligen Gral;
- Ich sehe Turniere und Streiter in schwerer Rüstung auf knirschenden
- Rossen,
- Ich höre das Jauchzen, das Dröhnen von Hieben und Stichen;
- Ich sehe der Kreuzzugsheere Getümmel - horch, wie die Zimbeln
- schallen,
- Sieh dort den Zug der Mönche mit hoch erhobenem Kreuz.
5.
- Blas nur, Trompeter! und zum Thema
- Nimm nun das Thema, das alle einschließt, lösend und bindend,
- Liebe, den Takt der Welt, den Trost und die Tränen,
- Mannes und Weibes Herz mit nichts als Liebe,
- Kein andres Thema als Liebe - knüpfende hegende allüberschwem-
- mende Liebe.
- O wie die unsterblichen Wesen sich um mich drängen!
- Ich sehe den großen Vergaser ewig tätig, ich kenne die Flammen,
- die Heizer der Welt,
- Glut und Röte, pochende Herzen der Liebenden,
- So selig manche, und manche so still, dunkel, nahe dem Tode;
- Liebe, außer der Liebenden nichts ist - Liebe, die Zeit und Raum
- überwindet,
- Liebe, die Tag und Nacht ist - Liebe, die Sonne und Mond ist
- und Sterne,
- Liebe in Scharlach und Üppigkeit, duftkranke Liebe,
- Keine Worte als Worte der Liebe, kein andres Denken als Liebe.
6.
- Blas nur, Trompeter - beschwöre den Krieg.
- Schnell rollt deinem Ruf ein murrendes Beben wie ferner Donner,
- Sieh, die Bewaffneten eilen - sieh durch geballten Staub das
- ` Glitzern der Bajonette,
- Da Kononiere finsteren Blicks, und jetzt der rosige Blitz aus dem
- Rauch, ich höre den Krach der Geschütze;
- Nicht Krieg allein - dein furchbares Lied, wilder Spieler, bringt
- jegliches Schreckensgesicht,
- Taten ruchloser Räuber, Plünderung, Mord - ich höre die Hilfe-
- schreie!
- Ich sehe scheiternede Schiffe auf hoher See, gewahre auf Deck und
- unter Deck die gräßlichen Szenen
7.
- Trompeter, mir ist ganz, als spieltest du auf mir,
- Du schmelzest Herz und Hirn - rührst sie und ziehst und wandelst
- sie nach Laune;
- Und jetzt erfüllt dein dumpfes Tönen mich mit Finsternis,
- Du raubst das muntre Licht und jedes Hoffen,
- Ich sehe die Getretnen, Unterjochten, Leidenden, Gedrückten des
- ganzen Erdenrunds,
- Ich fühle meines Geschlechts Demütigung und maßlose Schmach, sie
- wird die meine,
- Mein und die Empörung der Menschheit, der Schimpf der Jahr-
- hunderte, die zu Schanden gemachten Fehden und Wüte,
- Völlige Niederlage lastet auf mir - alles verloren - der Feind
- triumphiert,
- (Doch in den Trümmern steht wie ein Riese der Stolz,ungebrochen
- zum Äußersten
- Geduld, entschlossenheit zu Äußersten.)
8.
- Trompeter, nun zum Ende
- Gewähre höhere Weise als bisher,
- Sing meiner Seele zu, erneure ihr sehnendes Hoffen,
- Rüttle den trägen Glauben empor, gib mir Vision der Zukunft,
- Gib mir einmal ihr Bild und ihre Lust.
- O froher, jauchzender, gipfelnder Sang!
- Nicht aus der Erde quillt dir die Gewalt,
- Siegsmärsche - der entjochte Mensch - der Überwinder,
- Dem Weltengott des Weltenmenschen Hymnen - lauter Lust!
- Die Menschheit neugeboren - die Welt vollkommen, lauter Lust!
- Frauen und Männer gefund, unschuldig, weise - lauter Lust!
- Lachende rauschende Feste strotzend voll mit Lust!
- Krieg, Elend, Kummer fort - Erde von Fäulnis rein - Lust ein-
- zig übrig!
- Die Meere lusterfüllt - die Lüfte lauter Lust!
- Lust! Lust! in Freiheit, Andacht, Liebe! Lust! Lust! Im Über-
- schwang des Lebens!
- Genug das bloße Sein! Genug zu atmen!
- Lust! Lust! Überall Lust!
Helle Mitternacht
- Dies ist dein Stunde, o Seele, die freie Flucht ins Wortlose,
- Weg von Büchern, weg von Kunst, der Tag gelöscht, der Unter-
- richt aus,
- Hebst du dich völlig empor, schweigend,schauend,deine liebsten Gegen-
- stände betrachtend,
- Nacht, Schlaf, Tod und die Sterne.
Wandl ich durch die breit majestätischen Tage -
- Wandl ich durch die breit majestätischen Tage des Friedens,
- (Denn der Krieg, der Blutstreit ist aus, und du, o grauenvolles Ideal,
- Nach ruhmvollem Sieg gegen gewaltige Übermacht,
- Folgst nun deiner Bahn, bald aber vielleicht dichteren Kriegen zu,
- Vielleicht um bald in furchtbarere Kämpfe und Nöte zu treten,
- Längere Feldzüge und Krisen, der Arbeit vor allen andern,)
- So höre ich um mich den Lärm der Welt, Politik, Produktion,
- Anerkannter Dinge Ankündigungen, Wissenschaft, Technik,
- Das erfreuliche Wachstum der Städte, die Flut der Erfindungen.
- Ich sehe die Schiffe (sie dauern ein paar Jahre,)
- Die gewaltigen Fabriken mit Werkführern, Arbeitern,
- Und höre all das akzeptiert und hab nichts dagegen.
- Doch auch ich verkünde gediegene Dinge,
- Politik, Wissenschaft, Technik, Schiffe, Städte, Fabriken sind nicht nichts,
- Wie ein gewaltiger Zug, der Musik ferner Signale zuströmend, im
- Siegerschritt und Herrlicheres vor Augen,
- Ersetzen sie Wirklichkeiten - alles ist, wie es sein soll.
- Nun meine Wirklichkeiten;
- Was sonst ist so wirklich wie meines?
- Freiheit und göttliche Ausgleichung, jedes Sklaven Erlösung auf dem
- Antlitz der Erde,
- Die entzückten Verheißungen und Lichtgebilde der Seher, die geistige
- Welt, zeitentrotzend diese Gesänge,
- Und unsre Gesichte, die Gesichte der Dichter, die gediegensten An-
- kündigungen von allen.
Staub toter Soldaten
- Staub toter Soldaten, ob Freunde ob Feinde,
- Wie ich rückwärts sinne und in Gedanken ein Lied summe,
- Stellt sich der Krieg wieder ein, stellt eure Gestalten vor mich,
- Stellt den Marsch der Armeen wieder her.
- Geräuschlos wie Nebel und Dünste,
- Heraus aus ihren Gräbern in Gräben,
- Aus Friedhöfen in ganz Virginien und Tennessee,
- In jeglicher Himmelsrichtung aus zahlosen Gruben hervor,
- In schwebenden Wolken, großen Kolonnen, Gruppen selbzweit und
- dritt oder vereinzelt kommen sie an,
- Und sammeln sich schweigend um mich.
- Nun keinen Ton, ihr Trompeter,
- Nicht an der Spitze meiner Kavallerie die mutigen Rosse getummelt,
- Im Schimmer gezogener Säbel, mit Karabinern am Bein, (oh,
- meine wackern Reiter!
- Schöne Reiter mit Lohe im Antlitz! was führtet ihr für ein Leben,
- Stolz in Wagnis und Lust.)
- Keinen Tjon auch, ihr Trommler, nicht bei der Reveille im Morgen-
- graun,
- Nicht den langen Wirbel zum Lageralarm, selbst nicht gedämpften
- Trauerschall,
- Nichts von euch diesmal, o Trommler, die ihr mein Kriegstrommeln
- truget.
- Abseits aber von diesen und den Märkten des Glücks und der wan-
- delnden Menge,
- Zieh ich eng Kameraden zu mir, nicht gesehn von den andern und stumm,
- Die Erschlagnen, die sich erheben und noch einmal leben, lebend ge-
- wordenen Staub und Trümmer,
- Und ich singe den Sang meiner stillen Seele im Namen aller toten
- Soldaten.
- Bleiche Gesichter mit staunenden Augen, sehr liebe Freunde, tretet heran,
- Dicht zu mir, doch redet nicht.
- Gespenster zahlloser Verlornen,
- Unsichtbar den andern werdet künftig meine Gefährten,
- Begleitet mich immer - verlaßt mich nicht, solange ich lebe.
- Hold sind die blühenden Wangen der Lebenden - hold der melodische
- Klang redender Stimmen,
- Doch hold, ach hold sind die stummen Augen der Toten.
- Meine Gefährten, alles ist aus und lange vorbei,
- Doch Liebe ist nicht aus, Freunde - und welche Liebe!
- Duft, der von Schlachtfeldern steigt, aus dem Gestank sich erhebt.
- Durchdufte meinen Gesang, Liebe, unsterbliche Liebe,
- Gib mir das Gedächtnis der toten Soldaten zu baden,
- Sie einzukleiden und süß zu salben und ganz zu decken mit zarter Pracht.
- Durchdufte alle - mach alle heil,
- Mach diesen Staub nährend und blühend,
- Löse sie alle, Liebe, und mache sie fruchtbar mit feinster Chemie.
- Gib mir Unerschöpflichkeit, mach mich zum Quell,
- Daß ich Liebe aushauche, wo immer ich gehe, gleich ewig frischem Tau,
- Für den Staub aller toten Soldaten, ob Freunde ob Feinde.
Jahre des Modernen
- Jahre des Modernen! Jahre des Unfertigen!
- Euer Horizont erhebt sich, ich seh ihn schwinden für erhabnere Dramen,
- Ich sehe nicht bloß Amerika, nicht bloß die Freiheitsnation, sondern
- andre Nationen bereit,
- Ich sehe erschütternde Auftritte und Abgänge, neue Zusammenschlüsse,
- die Gemeinschaft der Rassen,
- Ich seh diese Macht mit unwiderstehlicher Gewalt auf die Weltbühne treten,
- (Haben die alten Mächte, die alten Kriege ihre Rolle gespielt? sind
- die Akte, die ihnen gemäß sind, zu Ende?)
- Ich sehe die Freiheit, völlig gewappnet, siegreich und herrlich, links
- vom Gesetz und rechts vom Frieden geleitet,
- Ungeheures Trio einig im Schritt gegen das Kastenwesen;
- Was für geschichtlichen Schürzungen eilen wir zu?
- Iche sehe Männer hin und wieder marschieren in raschen Millionen,
- Ich sehe die Grenzen und Schranken der alten Aristokratieen zertrümmert,
- Ich sehe die Grenzsteine europäischer Könige entfernt,
- Ich sehe den Tag, wo das Volk seine Grenzsteine setzt (alle andern
- verschwinden;)
- Nie wurden so scharfe Fragen gestellt wie heute,
- Nie war der Druchschnittsmensch, seine Seele, energischer, näher an Gott,
- Hört, wie er drängt und drängt und den Massen nicht Ruhe läßt!
- Sein kühner Fuß ist allenthalben zu Land und See, den Stillen
- Ozean besiedelt er und die Inselmeere,
- Mit dem Dampfer, dem elektrischen Telegraphen, der Zeitung, den
- Welthandels-Kriegsmaschinen,
- Damit und mit den Fabriken in aller Welt verkettet er alle Länder
- zu einer Geographie;
- Was für ein Flüstern, o Länder, läuft über euch weg, schlüpft unter
- den Meeren durch?
- Sind alle Völker geeint? Soll der Erdball nur ein Herz noch haben?
- Bildet sich Menschheit im großen? wahrlich, Tyrannen erzittern,
- Kronen verdüstern,
- Ein neues Zeitalter setzt sich die störrische Erde, vielleicht allgemeinen
- heiligen Krieg,
- Niemand weiß, was nächstens geschieht, solche Zeichen füllen Tage
- und Nächte;
- Jahre der Prophetie! der Raum, wie ich vorwärts strebe und um-
- sonst mich mühe, ihn zu durchdringen, ist voller Gespenster,
- Ungeborene Taten, Dinge, die bevorstehn, werfen ihre Schatten um
- mich,
- Diese unglaublich Hast und Hitze, diese seltsam ekstatischen Fieber-