
Sexualität als Wille und Vorstellung
By Jürgen Ehbrecht
"Ich glaube, daß es von politischer Bedeutung ist, daß Sexualität so funktionieren kann wie sie in den Badehäusern funktioniert. Dort trifft man auf Männer, für die du das gleiche bist, was sie für dich sind: nichts als ein Körper, der verschiedene Kombinationen und Herbeiführungen von Lust möglich macht. Du hörst damit auf, der Gefangene des eigenen Gesichts, deiner eigenen Vergangenheit, der eigenen Identität zu sein. Es ist bedauerlich, daß es solche Stätten noch nicht für Heterosexuelle gibt" (Foucault, zit. n. Miller 1995).
0. Sex
"Sexuelle Freiheit ist in einer unfreien Gesellschaft so wenig wie irgendeine andere zu denken. Der Sexus wird als sex, gleichsam eine Variante des Sports, entgiftet; was daran anders ist, bleibt ein allergischer Punkt" (Adorno 1963).
So wie Denken negiert und vollendet, woraus es entspringt, ist Sex unendlich mehr als die Kopulation, die der Reproduktion der Art dient, und doch ohne diese nicht denkbar. Sex ist den Menschen weder vom Himmel zugefallen noch reduzierbar auf das, was alle belebte Natur im ganzen Universum immer schon tat. Wie bei jedem Phänomen, das im Spannungsfeld von Natur und Gesellschaft schillernd changiert [1], ruht Sex auf einem in grauer Vorzeit ins Nichts zurücktretendem Berg angesammelter Primatenerfahrung, vielleicht auf der Unergründlichkeit des Lebens überhaupt, während er als Gelebter nur im historischen Kontext von Gesellschaftsgeschichte in den Blick gerät. Sex als solcher ist ein leerer Begriff, der unterschiedslos jede körperliche Praktik bezeichnet und somit jede Trennschärfe verliert; seine Variabilität über alle Zeiten hinweg ist begrifflich reflektierbar allein historisch. Sex ist mehr als Sex. Sexuelle Praxis heute ist demnach als solche wie als spezifisches Dispositiv einer Mikrophysik der Macht [2] in bürgerlichen Gesellschaften nur zu verstehen und zu verändern, wenn eine genealogische Analyse ihres Begriffs Licht ins Dunkel ihrer Quasinatur brächte [3] und diese in einer materialistischen Theorie der Gesellschaft aufginge.[4]
Es sind Gedankensplitter und Fragmente, die hier versammelt sind; Vorläufigkeit und Unvollständigkeit sind ihnen wesenhaft. Sie sind Anregung zum Weiterdenken, mehr nicht. Betont werden muß dagegen, daß auf Moral verzichtet wird, denn wer schon vorher weiß, was richtig und gut ist, braucht keine kritische Analyse, sondern nur eine Instanz zur Verhinderung des als scheinbar falsch Erkannten. [5]
I. Dunkelheit
"Wenn aber die Seele völlig in die Vernunft emporsteigt, wird sie zur Heimstätte der oberen Dämonen, von denen sie die Geheimnisse der göttlichen Dinge lernt, wie zum Beispiel das Gesetz Gottes, die Hierarchie der Engel und das, was zur Erkenntnis der ewigen Dinge und zum Heil der Seele gehört" (Agrippa von Nettesheim, zit. n. Klibansky u.a. 1992).
Wird Sexualität als Phänomen kapitalistischer Gesellschaften begriffen, liegt es nahe, die Bruchstelle, an der ihre Ausformung ihren Ursprung nahm, dort zu suchen, wo Marx nach dem Ausgangspunkt der Entwicklung zum Kapitalismus Ausschau hielt. "Obgleich die ersten Anfänge kapitalistischer Produktion uns schon im 14. und 15. Jahrhundert in einigen Städten am Mittelmeer sporadisch entgegentreten, datiert die kapitalistische Ära erst vom 16. Jahrhundert" (Marx 1962). Die ursprüngliche Akkumulation verändert die Welt und reißt die Menschen aus der althergebrachten Ordnung, das Ihrige tragen Reformation, 30-jähriger Krieg, Pest, Hungersnöte, Einhegungen und Glaubensspaltung bei, die materielles Elend [6] und spirituelle Not [7] nach sich ziehen. Das geozentrische Weltbild der bisherigen Welt wird durch empirische Beobachtungen zertrümmert.[8] Einsamkeit breitet sich schockartig aus, die Menschen verlieren den festen Boden unter den Füßen und den institutionellen Bezugsrahmen, der ihnen im Mittelalter Halt bot. Das Vertrauen in die göttlich bestimmte Welt und die Ordnung der Gesellschaft geht verloren. In dieser vor "Grausamkeit trunkenen Zeit" ist die Welt den Menschen fremd geworden. Sie tritt ihnen als leichenübersäte Schädelstätte entgegen, trostlos und zerrissen. Das Denken dreht sich um die Vergänglichkeit alles Irdischen und die Todesgewißheit alles Lebendigen. Die Realität der Welt selber ist bedroht: die Morgendämmerung einer neuen Welt kündigt sich an.
"Denn wenn die Verweltlichung der Gegenreformation in beiden Konfessionen sich durchsetzte, so verloren darum nirgends die religiösen Anliegen ihr Gewicht (...) Von allen im tiefsten zerrissenen und zwiespältigen Zeiten der europäischen Geschichte ist das Barock die einzige, die in eine Periode unerschütterter Herrschaft des Christentums fiel. Die mittelalterliche Straße der Empörung, die Häresie, war ihr verstellt;[9] (...) weil in den heterodoxen Nuancen der Lehrmeinung und Lebensführung die Inbrunst eines weltlich neuen Willens auch nicht entfernt zum Ausdruck kommen konnte. Da dergestalt nicht Rebellion noch Unterwerfung religiös vollziehbar war, richtete sich die gesammelte Kraft der Epoche auf eine gänzliche Umwälzung des Lebensgehaltes unter orthodoxer Wahrung der kirchlichen Formen" (Benjamin 1992a).
Die Flucht in eine andere Welt ist abgeschnitten, kein neuer Gott mehr denkbar wie in der Spätantike, der letzten großen Weltentwertungszeit, als der Begriff Entfremdung Eingang in die Sprache fand.[10] Statt ins Jenseits zeigt der Fluchtweg nach innen, ins Subjekt; er ist das Subjekt, Monade wie Leibnitz (1996) es ausdrückt. Innerlich kann die Zerrissenheit und Trostlosigkeit bewältigt werden. Vertrauen in Erlösung gibt es nicht mehr, Heilsgeschichte ist undenkbar geworden, Geschichte stellt sich als Abstieg dar. Die Welt als Ganze, so wie sie war, Natur, Leib, Geist, ist verurteilt, hilflos und schicksalhaft der Säkularisierung ausgeliefert. Das Ich verpanzert sich, schließt sich von der Welt ab "und erfährt die gesamte Außenwelt nur noch als feindliches Gegenüber" (Garber 1992), dem es sich zu erwehren hat. Ein Bruch, ein Graben bildet sich: hier Welt, dort Verzweifelte, nach Sinn Suchende.
Die Welt bedeutet nichts mehr. Als den Menschen fremde ist sie sprachlos geworden.[11] Keine Offenbarung tönt aus ihr.[12] Verweltlichung zeigt sich als Siegeszug der Mechanik. Was ist, ist kausal bestimmt, säkularisiertes Schicksal. Gott wird Uhrmacher, nicht mehr Garant des Seins und des Paradieses, er hat sich aus der Welt zurückgezogen.
Der antike Ausweg aus der mythischen Schicksalsergebenheit ist der säkularisierten versperrt. Damals war es das tragische Subjekt, das den mythischen Gewalten geopfert wurde, im Opfer noch den Mythos als ungerecht entlarvte und die Erlösungshoffnung in Gott vorbereitete, der mit seiner Gnade über dem Schicksal steht,[13] eine Hoffnung, die im Barock eitel geworden ist, da die entgöttlichte Welt Sinnlosigkeit stiftet. Dunkle Wolken versperren den Himmel. Die Gnade sucht das erwachende Subjekt in sich, den Verlust des Seienden und den ihm immanenten Sinn auszugleichen durch Bedeutungen, die es in die Welt legt. Etwas bedeutend wird die Welt weniger fremd. Die Dinge, Natur, werden aufgeladen mit Sinn,[14] der weder in ihnen zu finden ist noch von ihnen mitgeteilt wird[15], sondern vom Subjekt entdeckt werden muß, indem es entdeckt, was es hineinlegt.[16] Was die Dinge bedeuten, ist abhängig vom Subjekt. Das unaufgeklärte Subjekt schüttet den Graben zu, indem es die Welt sich ähnlich macht. Der Trost, der darin liegt, funktioniert um so besser, je mehr das Subjekt die Welt um es herum neu schafft: es beginnt die Produktion von Welt, Charakteristikum kapitalistischer Gesellschaften.[17]
Als wesenlos Seiendes erst wird das Objekt Objekt des Subjekts, obwohl es gar nicht ist, da es nur ist, was das Subjekt aus ihm macht, wodurch das Subjekt wird, was es ist.[18] "Subjekt wird dort, wo nur noch der 'Schatten des Objekts' gegeben ist" (Eidam 1992). Je mehr das Subjekt über die Welt lernt, über sie Wissen ansammelt, desto mehr existiert diese als Objekt, als funkelnder Spiegel des Subjekts, sprachlos, und um so mehr muß das Subjekt sie als vorgestellte in sich antizipieren, um sie mit Sinn aufladen zu können. Verstummte Natur wird, was in sie gelegt und mit ihrem Wesen verwechselt wird; sie wird auf den Begriff gebracht, den das Subjekt sich von ihr macht. Dadurch wird sie ausbeutbar: das Auf-den-Begriff-Bringen ist materiell zu verstehen. Als frei verfügbare Ressource geht die Welt verloren und wird durch materialisierte Phantasmen ersetzt, die nicht um ihre Stummheit wissen. Die Welt verliert ihr An-Sich-Sein, ihr Wesen und wird für das Subjekt.
Die säkulare Freiheit der Handelnden führt nicht zu Erkenntnis, sondern zu Verblendung dem gegenüber, "was Wirkliches dem Gefürchteten einwohnt" (Benjamin 1993). Indem das Subjekt den Dingen Bedeutung verleiht, lädt es sie mit Macht auf, die ihnen auf dem Fuße als mythische gegenübertritt. Das Fremde sich gleichzumachen, um ihm nicht ängstlich gegenüber zu stehen, endet tragisch in größerer Fremdheit gegenüber dem Produzierten. Das Subjekt ist Subjekt nur als im Banne des Mythos stehendes.
II. Tod
"Der freie Mensch denkt an nichts weniger, als an den Tod, und seine Weisheit ist nicht eine Betrachtung des Todes, sondern des Lebens" (Spinoza 1994).
Es geht nicht um irgendeine Bedeutung. Im Barock steht das Fremde unter dem Zeichen des Todes. Das Wesen der Dinge, worüber bisher reflektiert wurde, verdampft in der Gewalt der ursprünglichen Akkumulation, ohne Gott als Garanten stirbt es den Menschen weg. Verfallsgeschichte wird als Ruine allegorisiert, in Raum aufgelöst. Die vollkommene Ruine des Lebens ist der Tod. Die Welt wird zum Zeichen des Todes wie jedes Ding in ihr.[19]
Nicht die Welt stirbt hin, sondern ihre gesicherte Ordnung. Der Selbstbezug des neuen Subjekts ist vermittelt über das Verschwinden des Bekannten, dessen Leerstelle es usurpiert, indem es die Fremdheit des statt ihm Seienden mit Tod gleichsetzt: "Schuldet es seine Präsenz der Absenz des Objekts, so sein Werden der Absenz seiner selbst, seinem künftigen Gewesen-Sein-Werden" (Eidam 1992). Das Subjekt wird als Herr der Bedeutungen von den Zeichen seines Bedeutens affiziert, es ist nur mit der und als die Bewegung seiner Zeichen. Real ist nicht die materielle Welt, sondern die Zeichen, die das Subjekt ihr unterschiebt, um zu sein. Denken ist einzig Reales, da die Welt dynamisch sich veränderndes Objekt dieses Denkens geworden ist. Vermittelt durchs Subjekt stirbt die Welt erst recht jede Sekunde neu hin. Säße der Tod rein im Subjekt, gäbe es keines. Hinter dem lauernden Tod scheint neues Leben auf: das der Fremdheit abgerungene Paradies,[20] das aus materialisierten Zeichen bestehen wird, die aus dem Subjekt stammen. Der Tod verhüllt sich in sein Gegenteil, wird erträglich als verhüllter. Die Einhüllung wird produziert, ohne daß, was sie verhüllt, überwunden oder akzeptiert würde, weil der Tod, einfach da, sich nie für längere Zeit einhüllbar ist. Fremdheit läßt sich nicht in Zeichen auflösen, das Neu-Bekannte wird immer ihre Spuren tragen.
Dabei nimmt logischerweise die dem Menschen nahste Materie, sein Leib, eine Schlüsselposition ein. Wie die Welt ist er dem Untergang geweiht. Er wird gern als Leiche allegorisiert. Hinter der lebenden Leiche, auf deren Stirn in kryptischen Lettern eingeschrieben steht: Gedenke des Todes, scheint ein Umschlag auf, der eine Veränderung im Leibverständnis [21] impliziert. Der Leib [22] wird produzierter Körper, Umhüllung des Toten, die als Pendant zur Neuerschaffung der Welt zu verstehen ist. Die Bedeutung, die das Subjekt ihm verleihen wird, da er als künstlicher keine besitzt, wird es Sexualität nennen.
III. Melancholie
"Wer das Gewissen des heutigen Europäers prüft, wird aus tausend moralischen Falten und Verstecken immer den gleichen Imperativ herauszuziehen haben, den Imperativ der Heerden-Furchtsamkeit: 'wir wollen, dass es irgendwann einmal Nichts mehr zu fürchten giebt'. Irgendwann einmal - der Wille und Weg dorthin heisst heute in Europa überall der 'Fortschritt'" (Nietzsche 1988a).
Die produktive Tätigkeit [23] der einsamen Menschen verändert das Antlitz der Welt schneller als je zuvor. Das religiöse Konzept der Erlösung geht im säkularen Fortschritt auf, das Paradies wird als selbsttätige Produktion der von allen guten Geistern Verlassenen phantasiert.[24] "Zukunft ist der vornehmliche Inhalt dieses Gedankens der Geschichte ... Der Schöpfer des Himmels und der Erde reicht nicht aus für dieses Sein der Zukunft. (...) An die Stelle eines goldenen Zeitalters in mythologischer Vergangenheit wird durch die eschatologische Zukunft die wahre historische Existenz auf Erden gesetzt" (Cohen, zit. n. Löwith 1990).
Das goldene Zeitalter kann in der Projektion in die Zukunft nicht aufgehen. Trauer über die verlorene Welt ist vom Subjekt nicht bearbeitbar wie die Trauer über verlorene Liebesobjekte, seine Libido kann es auf keine andere Welt als die zukünftige verschieben. Trauerarbeit erforderte das Eingeständnis des Verlustes des geliebten Objekts, Melancholie leugnet diesen Verlust, indem das Subjekt das Verlorene in sich neu erschafft und das verlorene Objekt durch ein imaginäres ersetzt. Der Verlust der Welt ohne Auflösung der Welt konstituiert das Subjekt als melancholisches. Sein imaginäres Objekt ist die Zukunft Es weiß, daß es die Welt nicht mehr besitzt, nach der es verlangt. "Wir müssen zwischen zwei Dingen wählen: das Verlangen wird uns verzehren, oder sein Objekt wird aufhören, uns zu erregen (...) Aber lieber den Tod des Verlangens als unseren eigenen Tod! Wir begnügen uns mit einer Illusion" (Bataille 1994), die immer ans einst Reale erinnern wird. Das Subjekt zieht die ziellose Libido in sich ein,[25] die zum "Schatten des Objekts" in ihm mutiert, unter dem das Ich in Dunkelheit getaucht wird, aus der das Subjekt aufleuchtet. Im Subjekt existiert der Schatten als unbewußter Teil seines Selbst, der zum Objekt im Subjekt wird: eine Subjektspaltung, die ohne Erkenntnis und Annahme des Weltverlustes, ohne Trauerarbeit, ewig währen wird.[26] Als Adressat der Vorwürfe, den Verlust der Welt verschuldet zu haben, bleibt nur das Subjekt selbst.[27] Den quälenden Selbstvorwürfen entgeht es, indem es ruhelos die verlorene Welt nachbaut, die es als introjiziertes, vorgestelltes Objekt in sich trägt. Aber diese wird wieder fremd sein, entgöttlicht ... es beginnt der dynamische Prozess, der auf einer verschobenen Ebene die Dynamik des Kapitals ist. Die neue Welt baut das Subjekt, um die alte nicht betrauern zu müssen; es produziert, ohne je in der Zukunft anzukommen: Triebaufschub als melancholische Grundstimmung.[28] Die Wahrheit des Seins liegt in der Zukunft,[29] das jetzige Sein entspricht nicht seinem Wesen.
Reiner Triebaufschub wäre eine Illusion, der zum Körper [30] gewordene Leib existiert. Wie auf gesellschaftlicher Ebene das "carpe diem" (genieße den Tag) in die Zukunft projiziert wird, so benötigt das Subjekt für seine Leiblichkeit ebenfalls eine Projektion. Die Projektion leiblicher Bedürfnisse in die Zukunft ist Sexualität.
IV. Frauen-Körper I
"Der Besitz der kleinsten Stelle meines Körpers wird dich mit ungestümerer Freude füllen als die Eroberung eines Kaiserreichs. Biete mir deine Lippen! meine Küsse haben den Geschmack einer Frucht, die in deinem Herzen zerginge! Ah! wie wirst du dich in meinem Haar verlieren, meine Brust einsaugen, meine Glieder bestaunen" (Flaubert 1979).
Schon immer wurden irdische Materie und in ihr agierende Leiber abfällig betrachtet.[31] Wo Materie als dem Geist unterlegenes Medium gesetzt ist, gilt die grobe Gleichung Materie = weiblich = schlecht, böse, minderwertig, je nach historischem Kontext unterschiedlich ausbuchstabiert. Da für alle sichtbar ist, daß Materie und Geist nicht trennbar sind, wird der weibliche Körper/die Frau nicht als das Andere des Mannes gedacht, nicht als zweites Geschlecht, sondern als schlechterer Mann: bei Aristoteles als passive Materie, in die sich die männliche Form einprägt[32], neuplatonisch als unterste Stufe in der allgemeinen Hierarchie des Seins.[33] Damit ist eine bestimmte Zuweisung von Bildern verknüpft. Die Frau, als dem Materiellen verhaftete, verkörpert Lust,[34] der Mann ist dazu geboren, in der Hinwendung zum Höheren sich aus der Materie zu befreien.[35] Die Unterordnung der Frau unter den Mann ist notwendig, weil die lockende Lust ihr zur Macht verhilft, Männer von ihrer Aufgabe abzulenken, so daß sie der Materie zu verfallen drohen.
Die Trennung zwischen Männern und Frauen verläuft nicht nach Geschlechtern, sondern danach, wie sich jemand benimmt. Mann ist, wer sich beherrschen kann, vernünftig ist , Frau, wer den Verlockungen des Irdischen erliegt. Diese auf Lust und nicht auf Geschlecht gründende Bilderwelt konstituiert ein Kontinuum, an dessen einem Ende die Frau steht, die passiv ins Irdische verwickelt ist, und am anderen der aktive Mann thront, der sein Verlangen souverän beherrscht, aber nicht verleugnet. Ist der Mann dazu unfähig, wird er weiblich;[36] die Frau kann ihren Platz nicht verlassen.
Frau-Sein als solches ist kein wesenhafter Zug weiblicher Körper, das "Weibliche" gehört zum Wesen der Materie. Es gibt nur ein Geschlecht, das sich in jedem Individuum in einer anderen Form ausprägt, in der Regel zwar in einer von zweien, aber sowohl Zwischenformen als auch Formwechsel sind möglich. Es "hatte als Allerweltsweisheit gegolten, daß Frauen über dieselben Genitalien wie Männer verfügen, mit dem einzigen Unterschied, daß (...) 'ihre innerhalb und nicht außerhalb des Körpers sind'" (Laqueur 1992).[37]
Das Christentum übernimmt diese Sichtweise und radikalisiert sie, indem es die männliche Askese als totale versteht. Der christliche Mann muß sein Verlangen verleugnen. Die verführende Frau bleibt Grundmythos. Doch sobald Frauen ihre natürliche Lüsternheit in den Netzen des männlich-asketischen Verstandes einfangen,[38] gelten sie als Mann. "Es ist die Verschiedenheit des Herzens, die darüber entscheidet, ob jemand Mann oder Frau ist. Wie viele Frauen gibt es nicht, die vor Gott zu den starken Männern gehören, und wie viele Männer müssen nicht den schwachen und trägen Frauen zugerechnet werden?" (Origines, zit. n. Felber 1994). Ein guter Christ liebt das Männliche in/an der Frau.
Diese Ordnung bleibt im Prinzip bis zum Ausgang des Mittelalters bestehen. Erst die Rezeption des großen Aristoteles im 13. Jahrhundert bringt eine Veränderung. Neuplatonisches Gedankengut wird im Lichte aristotelischer Metaphysik kritisiert, was in Verbindung mit christlichen Intentionen[39] und einer soliden ökonomischen Basis der mittelalterlichen Gesellschaft eine Neubewertung des Körpers nach sich zieht.[40] Die Rezeption des Heiden erweckt bald den Argwohn der kirchlichen Autoritäten, die radikalen Philosophen mit der Inquisition drohen.[41] Im Endeffekt bewirkt die Dialektik von Aneignung und Verbot heidnischer Philosophie und ökonomischem Aufschwung, daß Gott und Welt auseinandertreten, Wissenschaft und Theologie zwei getrennte Disziplinen werden. Die Logik beschäftigt sich mit der Welt, Gott wird ins Jenseits gerückt,[42] weg von der Welt, auf der seine Abwesenheit schmerzlich verspürt wird. Die Seele, bisher als eine Art zweiter Körper verstanden, vergeistigt sich, wird körperlos,[43] Vorstufe zur Vernunft, die Descartes preisen wird.
Die Abwesenheit Gottes mündet nicht in eine gottlose Welt, sondern in verstärktes Suchen nach ihm, um seine Entrückung rückgängig zu machen. Ein kurzes Zeitalter körperbetonter Mystik und Religiosität bricht an, es kommt zu einem Wiederaufleben des Neuplatonismus. Die Spannung, die seit je im Christentum spürbar war, drängt an die Oberfläche. Es begann mit einem ans Kreuz genagelten Menschenkörper, der sich prinzipiell mit der Leibfeindlichkeit seines neuplatonischen Geistes beißt. Wenn dieser blutige Menschenkörper angebetet wird, kann es mit der Minderwertigkeit der Materie so weit her nicht sein. Das veranlaßt Hildegard von Bingen, "das Männliche als Symbol der Göttlichkeit Christi, das Weibliche als Symbol seiner Menschlichkeit zu betrachten" (Walker Bynum 1996). Die Priorität des Geistigen bleibt, aber das Weibliche wird aufgewertet, ohne daß die Gültigkeit der alten Dichotomien angetastet wird.
Die mittelalterliche Gesellschaft gerät in Bewegung, die reale als auch die imaginäre Stellung der Frau ins Wanken.[44] Doch ähnlich wie die von Aristoteles inspirierte Entsakralisierung der Welt vorerst nicht zu ihrer Säkularisierung führt, bleibt die offizielle Misogynie bestehen. Die Kirche im Verbund mit den weltlichen Instanzen schlägt spektakulär zurück: die im Frauenleib symbolisierte Lust wird realem Feuer übergeben und verbrannt. Allerdings bleibt deutlich sichtbar, daß es nicht um die moderne Kategorie Geschlecht geht, sondern um Verteidigung der Tradition: auch viele Männer landen im Feuer.[45]
Die großen Hexenjagden fallen in die Zeit des Barock, als die Welt den Menschen fremd ist.[46] In einer paradoxen Rückwendung mögen die Autodafés sogar dazu beigetragen haben, die Entfremdung zu steigern. Es ist kein Zufall, daß das große Umdenken mit dem Ende der großen Hexenjagden zusammenfällt.
V. Männer-Geist
"Geliebter, bist du frei, aus deiner Haut zu schlüpfen,/und reiner Geist zu werden, schwing dich empor/zu Gottes Thron. Erröten wirst du dann,/daß du so lange gefesselt lagst im Kerker deines Körpers" (Khayaam 1995).
Weltangst und Melancholie transformieren sich nicht sofort in Neues. Weder wimmelt es plötzlich von Brathähnchen und Computern in der Welt noch springt das neue Subjekt aus den Trümmern wie ein Phoenix aus der Asche.
Es schält sich ein neues Modell zur Bewältigung der Sinnkrise heraus. Das allegorische Verfahren, Bedeutung in die Welt zu legen, um Fremdheit zu hintergehen, verallgemeinert sich und wird als autonome Vernunft[47] theoretisiert. Descartes führt das beispielhaft vor:[48] "Ich denke, also bin ich", die Existenz leiblicher oder anorganischer Materie zweifelt er an.[49] Materie repräsentiert einen Zwischenzustand. Sie untersteht nicht mehr Gottes Ratschluß, ist aber noch nicht neutrales Objekt menschlicher Kreativität; Vernunft traut sich noch nicht über den Weg. Descartes kommt nicht umhin, Gott als ihre letzte Stütze zu denken. Da man an allem zweifeln kann außer am "ich denke", braucht es einen Garanten, der sicherstellt, daß die Welt keine Täuschung des Denkens ist. Doch dieser Gott greift nicht in die Welt ein, er schuf sie - und beobachtet seitdem. Kurz nach Descartes ist für Spinoza die rationale Vernunft ein alltägliches Arbeitsinstrument, er entwirft eine Ethik, die auf vernünftiger Einsicht in die Welt beruht.[50] Locke behauptet, daß die rationale Vernunft zu glauben gebietet, und setzt diese damit als Instanz fest, der er den christlichen Glauben unterwirft.[51] Für die Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist vernünftige Religionskritik eines der zentralen Themen, auch wenn nur wenige Aufklärer konsequente Materialisten sind, die die Notwendigkeit von Religion leugnen.
Vernunft steht in einem dialektischen Verhältnis zur Gesellschaft, in der die von ihr erdachten Veränderungen materiell verwirklicht werden, und jene ermöglichen die Entwicklung der Vernunft zu mehr Autonomie. Je entwickelter die Warenökonomie, desto autonomer geriert sich Vernunft, bis zu Beginn des bürgerlichen Zeitalters Hegel ihr alle Macht der Welt zuschreibt. Marx stellt ihn und die Vernunft vom Kopf auf die Füße: es sind die kapitalistischen Verhältnisse, die die hegelianische Vernunft erfordern. Nietzsche verkündet, was die Gesellschaft ihm einflüstert.[52]
Bereits als sich die kapitalistische Warenwirtschaft am Horizont abzeichnet, führt der idealistische Standpunkt zu Widersprüchen. Beide Pole des Dualismus verändern sich notgedrungen, wenn ihr Alltagsgebrauch sich neu bestimmt. Der Geist steigt vom Himmel herab, transformiert sich in kreative Vernunft, soll eine neue, nicht-fremde Welt aufgebaut werden. Die Vernunft wird gestärkt, Seele und Geist werden abgeschwächt, abgeschafft, da sie auf die Transzendenz der Vernunft verweisen.
Andererseits kann die andere Seite der Vernunft nicht als minderwertig negiert werden, wenn es die gesteigerte Be- und Verarbeitung von Materie ist, wodurch eine neue Welt produziert wird - durch Arbeit,[53] wozu es Menschen braucht, freie Arbeiter, die arbeiten wollen.
Die kapitalistische Ökonomie braucht Vernunft und Körper, aber nicht als freie. Vernunft ist als instrumentelle[54] statt auf Freiheit und Glück auf Produktion und Reichtum von Waren und Erkenntnis ausgerichtet. Leiber werden gelehrige und disziplinierte Körper,[55] die tun, was erforderlich ist, ohne sich oder ihre Produkte zu genießen, da sie sonst zu arbeiten aufhörten.[56] Die Produktion gelehriger Körper durch Disziplinierung, die Fabrikdisziplin vorwegnimmt, ist geschlechtsspezifisch organisiert. Sie richtet sich an Jungen und junge Männer (Schule, Militär, Sport).[57] Ein ungleichzeitiger Prozess setzt sich in Gang, der bis heute nachwirkt. Die neuen Staaten, das Kapital brauchen Arbeitskräfte, die zur Arbeit erzogen werden müssen.[58] Die Arbeitskräfte-Produktion wird reguliert,[59] es geht um die Kontrolle von Frauen, die Kinder zu gebären haben.[60]
Ohne Aufklärung treten weder instrumentelle Vernunft noch gelehrige Körper ans Licht,[61] aber Aufklärung formuliert auch die Utopie, die zu weit geht und zurückgepfiffen wird, damit die Verhältnisse nicht verwirbelt werden. Aufklärung ist zweischneidig wie das, was aus ihr entsteht. Das Neue verspricht Genuß, der nicht realisiert werden darf, die "Verbesserung" der Welt zeigt, daß Freiheit erreichbar ist; beides darf nicht sein, da sonst die Gesellschaft nicht wäre, wie sie ist.
Diesem Drahtseilakt dient Sexualität als Netz. Ihr Geburtshelfer ist Descartes. In einer fremden Welt zieht er die naheliegende Folgerung, daß das wahre Sein ein geistiges sei, dem Materie, Welt, Körper nicht angehören. Er trägt zwei Tendenzen Rechnung: die Welt ist wirklich sonderbar, und er stemmt sich theoretisch gegen die zunehmende Wertschätzung des Körpers.[62] Kurz nach seinem Lob der Unkörperlichkeit wird der Dualismus heftig kritisiert. Spinoza[63] greift ihn an, ohne das Primat des Denkens aufzugeben. Nach ihm spaltet sich Aufklärung in zwei Stränge.
Auf der einen Seite werden die althergebrachte Tradition der Leibfeindlichkeit und heuchlerische Konventionen radikal kritisiert. Die bisher von Gottes Hauch belebte Natur ist reine Materie geworden, so daß man alles mit ihr machen kann. Die aufkommende Naturwissenschaft tendiert dazu, die Welt materialistisch und mechanisch zu erklären und die Seele auf eine Mechanik von Körpersäften zu reduzieren. Die Kritik am höheren Wesen, das einer schlechten Welt vorsteht, schlägt um in ein unreflektiertes Lob des Körpers, dessen Lust ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerät,[64] womit ältere libertine Traditionen fortgesetzt werden. Dem dient Aufklärung über den Körper, über die Mechanismen der Lust.[65] Alles Körperliche ist natürlich, und Aufklärung, die sich in Pornographie und Materialismus austobt, muß "weibliche Beteiligung und weibliche Anregung zulassen" (Jacob 1994).[66] Kritik verspricht Genuß ohne Moral, da es keinen moralischen Bezugspunkt gibt. Damit steht sie der kommenden Bürgerrevolution im Weg, obwohl sie Späteres, unzeitgemäß, vorwegnimmt. Zu nah bewegt sich dieser Materialismus im Umkreis von Hedonismus[67] und libertiner Gnosis.[68]
Andererseits wird im Sinne Descartes' aufgeklärt. Insbesondere nach 1755, nach dem großen Erdbeben in Lissabon, stellt Aufklärung die große Frage, wieso Gott so ein Unglück zuläßt.[69] Die Aufklärer kritisieren Religion und Überlieferung, ohne Atheismus zu predigen.[70] Soweit es um das Primat der Vernunft über den Körper geht, bestätigen sie es. Sinnlichkeit ist ihnen ästhetischer Genuß des Geistes, nicht schweißtreibendes Körperspiel. Ihr Ziel sind selbstbewußte Menschen, die selbsttätig und selbstdiszipliniert denken, nicht Menschen, die das Leben genießen.
In der französischen Revolution treffen die libertine und die asketische Strömung aufeinander,[71] werden aber in der Folgezeit so zurechtgestutzt, daß sie in der bürgerlichen Gesellschaft eine stabilisierende Funktion übernehmen. Aufklärung wird Ideologie, schlägt in Mythologie um.
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - in der Parole klingt Versprechen und Realismus ineins an. Freiheit, Gleichheit und der mechanische Körper der Materialisten, der für alle gleich funktioniert, lassen es unlogisch und antiquiert erscheinen, die Frau als schlechteren Mann und nicht als Mensch zu betrachten. Brüderlichkeit dagegen macht deutlich, worauf Gleichheit aus ist: auf die Gleichheit aller Männer. Nicht die Revolution ist das Ziel der Revolution, sondern Herrschaft der Bourgeoisie, Freiheit zum Warentausch.
Daß, nach einem Bonmot von Anatole France, ein Obdachloser und ein VW-Vorstandschef beide die Freiheit haben, im kältesten Winter unter einer Brücke zu schlafen, ist nach 150 Jahren Arbeiterbewegung kein Geheimnis mehr. Doch geheimnisvoll umflort wird das Bonmot, wenn es ein wenig umgeschrieben wird: jede Frau kann wie Berti Vogts Bundestrainer werden. Diese abstrakte Gleichheit [72] von Mann und Frau meint schon Aufklärung nicht, denn sie hätte die vollständige Auflösung der misogynen Tradition bedeutet, die Frauen als schlechtere Männer definiert.
VI. Frauen-Körper II
"Die Frau besitzt einen Sinn, der bis zu den fürchterlichsten Krämpfen reizbar ist, sie beherrscht und in ihrer Phantasie Phantome jeder Art erweckt. (...) Ich habe sie in der Wut des wilden Tieres, das immer ein Teil ihrer selbst ist, gesehen und gehört" (Diderot, zit. n. Braun 1985).
Der Widerspruch zwischen abstrakter und konkreter Gleichheit wird nicht zugunsten der Frauen aufgelöst. "In der Auffassung von der Frau trat eine Anatomie und Physiologie der Unvergleichlichkeit an die Stelle einer Metaphysik der Hierarchie" (Laqueur 1992). Das metaphysische Kontinuum des Menschen sprengt auf, da die ihm inhärenten Hierarchien sich aufzulösen drohen.[73] Zwei Geschlechter sind die Bruchstücke, getrennt durch einen unüberwindbaren Graben, der zwischen Natur und Subjekt gezogen ist: Frauen und Männer. Die bisherige kontinuierliche Geschlechterdifferenz wird zum Wesensunterschied erhöht, den sexualisierte Körper anzeigen.[74]
Voraussetzung ist die Produktion entsexualisierter Männerkörper, denen die Lust ausgetrieben wird: zuerst die Abschaffung der Onanie,[75] die den Verlust der Vernunftfähigkeit nach sich ziehen soll, dann die Abschaffung der Lust, Produktion von Impotenz, an deren Stelle Neues als ihre vermeintliche Negation treten kann,[76] Verführung z. B., die Lust nicht in der Lust findet, sondern als melancholische Sammlung von Gelegenheiten in der Eroberung ihrer Möglichkeit. Der Mann wird das vernünftige Geschlecht.
Die Frau dagegen wird das sexuelle.[77] Sexualität ist eine Eigenschaft von Frauenkörpern, die auftritt, als aus der Gattung Mensch eine Untergattung sich abspaltet, Frauen, die durch Sexualität als solche erkennbar sind. Der Mann wird in Abgrenzung Subjekt und Mensch als solcher, und "[d]ieses Subjekt ist insofern abstrakt, als es seine gesellschaftlich markierte Leiblichkeit verleugnet und weiterhin diese verleugnete und verworfene Leiblichkeit in die weibliche Sphäre projiziert, indem es den Körper gleichsam zu etwas Weiblichem umtauft" (Butler 1991), was, da Sexuelles Körperliches impliziert, zur Sexualisierung der Frau führt.
Abgeschlossen wird die Veränderung des Frauenkörpers, als zum ersten Mal weibliche Eizellen gesichtet werden. Ab nun ist der Eierstock statt des umgekehrten Penis das paradigmatische Organ, spezifisch und wesenhaft weiblich.[78] Als naturalisierte wird die Frau zur ausbeutbaren Ressource.[79] Sie stellt die kostenlose Produktion der Arbeitskraft insgesamt und die ihres Arbeiters sicher.[80] Dem entspricht die Herausbildung der bürgerlichen Familie, die nicht als Produktionseinheit verstanden wird, sondern als der kapitalistischen Gesellschaft vermeintlich entgegengesetzter Ort zum Ausruhen.[81]
Während der männliche Bürger frei ist, der männliche Arbeiter immerhin so frei, daß er zwar seine Arbeitskraft, aber nicht sich selbst verkaufen muß, wird die Frau als Frau zur Ware. Sie wird zu Reproduktionszwecken produziert und produziert sich selbst, um auf dem Heiratsmarkt verkäuflich zu sein. "In der Prostitution der großen Städte wird das Weib selber zum Massenartikel" (Benjamin 1992). Als bearbeitete Natur und Ware tritt sie in die Gesellschaft ein. Mit der "physischen Natur und den daraus entspringenden dinglichen Beziehungen" hat diese Ware aber "absolut nichts zu schaffen" (Marx 1962). Wo Leiber zu Körpern, zu Waren geworden sind, ist physische Natur als solche suspendiert, hinter dem Warencharakter der Körper unerkennbar entschwunden.
Gleichheit gilt für vernünftige Menschen, für geistnahe und mit Vernunft ausgestattete Mannsubjekte, während die zu Naturwesen degradierten Frauen aus der Gattung Mensch herausfallen und zum "Anderen" des Mannes werden. "Sexualität ist vollständig, ohne Rest,[82] ein Produkt und bürgerlich in ihrem historischen Ursprung" (Hegener 1992).
VII. Sexualität: Morgendämmerung
"Ich stürme vor und will den Angriff schüren/Wie Würmer, die nach einer Leiche gieren,/Und liebe, unerbittlich, grausam Tier!/Selbst deine Kälte, sie verschönt dich mir!" (Baudelaire 1992).
Die Menschheit hat sich in zwei Klassen gespalten:[83] in vernünftige Mannsubjekte und weibliche Naturkörper ohne Subjektstatus. Nicht einfach Natur, sind Frauen die Natur[84] des Mannsubjekts. Das männliche Subjekt hat sich in der Frau einen Phantomkörper geschaffen, den es benutzen kann wie künstlich produzierte Natur um es herum. Wie alle produzierte Natur ist auch dieser ihm äußerliche Körper nurmehr als Ware zu haben. Damit die Frau nicht wie ein Erdbeben die schöne neue Welt des Subjekts verschlingt, gilt es, sie zu kontrollieren, auf das Niveau eines Betonklotzes oder einer Autobahn zu reduzieren. Der Frau als Natur wird jede Lust, jede körperliche Regung ausgetrieben[85], die das Subjekt am Subjekt-Sein zu hindern droht. Frauen werden lustlos und passiv; obwohl ganz Körper, dürfen sie ihn nicht genießen. Es entsteht, was seitdem Frigidität genannt wird: institutionalisierte Lustlosigkeit, aufoktroyierte Impotenz. Einige nehmen das geforderte überernst, karikieren es durch buchstabengetreue Affirmation und werden hysterisch, versteinerte Warennatur[86], wie das melancholische Subjekt sie sich erwünscht. Es sind tote Frauen, die, im Kern Ware, sich der Mode unterwerfen, ihren abgestorbenen Leib umhüllen, um konkurrenzfähig zu bleiben und sich an einen Ehemann oder Freier zu verkaufen.[87]
Die Sprache des weiblichen Körpers, der aus Frigidität und Hysterie erwacht, wird Sexualität, die durch das männliche Subjekt zum Sprechen gebracht wird. Sie ist, was als Anderes am Anderen des Subjekts ständig als dessen Wahrheit, als Kern des dem Subjekt nicht Erlaubten erscheint, ist nichts außer dem, was das Subjekt im Anderen als Ausdruck seiner anderen Seite produziert hat. Am Anderen wird sichtbar, was Mannsubjekte in sich nicht tolerieren, eine klassische Projektion, in der das eigentlich Ersehnte der Anderen als Negatives zugeschrieben wird, um es ohne Selbstverstrickung in Natur genießen zu können. Ein hierarchisches Verhältnis: hie Natur konsumierendes Subjekt, dort zu genießende Natur[88], getrennt durch eine unüberwindbare Seinsstufe.
Das Subjekt unterwirft sich Selbstkontrolle, zwingt sich zur Auslöschung lustvoller Triebregungen, die es am "bürgerlichen Bildungsweg" hindern. Männer verleugnen ihren Körper und setzen ihn instrumentell zur Gewinnung dessen ein, was sie Lust nennen, die keine ist[89], da sie zu sehr mit Herrschaft des Subjekts über Natur legiert, gnadenlos auf die Genitalien fixiert ist[90] und auf Lustverdrängung beruht. Genitalität ist Ergebnis von Disziplinierung, nicht das zu Disziplinierende.
Das männliche Subjekt, anstelle Gottes zum Garanten der Welt aufgestiegen[91], hat seine Lust verloren und statt dessen die Möglichkeit zu instrumenteller Befriedigung erhalten, die es nicht befriedigt. Der Beischlaf ist zur Onanie geworden, die dem Mann früher ausgetrieben wurde. Wie aller Konsum von Waren erzeugt auch der von Frauenkörpern Hunger nach mehr Konsum[92], nach besseren Waren, aber weder Lust noch Befriedigung noch Genuß, so daß jeder Beischlaf den nächsten, den vielleicht wahren und genußvollen, um so stärker herbeisehnen läßt. Im Kern des männlichen Subjekts breitet sich Unruhe aus, der Genuß der aus ihm heraus in die Andere projizierten Natur bleibt ihm versagt.
In dieser Unruhe hat Kulturindustrie ihre mächtige Quelle: Sie produziert erfüllte Sehnsüchte als zu konsumierende Waren, die kurzfristige Befriedigung verschaffen; doch nach dem Konsum ist die Sehnsucht nicht gestillt, sondern gesteigert: Sehnsucht nach mehr Sehnsuchtswaren. Das melancholische Mann-Subjekt hat auf der Suche nach der verlorenen Welt sich eine neue produziert, die wieder eine fremde ist, denn die Dinge werden durch ihr objektives Dasein als Waren entwertet, fremd - die Produktion einer neuen neuen Welt wird erforderlich.
Jede neue Welt kann das Subjekt nicht befriedigen, seine Libido prallt von ihr ab, richtet sich auf Fetische[93] und die Simulation vermeintlicher Natur in sich. Es holt die Sexualität, die es als Natur der Frau in und an dieser produziert[94], zu sich zurück, introjiziert sich das aus ihm heraus Projizierte als ihm Fremdes, um es sich gleich zu machen, und imaginiert sich Sexualität damit als zu erreichende künstliche Natur, die Genuß verspricht, ohne Fremdheit ahnen zu lassen. Sexualität ist der Mythos des Subjekts über sich selbst, deren Wahrheit, da sie Lüge ist, immer neu gesucht werden muß, ist der Rettungsanker, mit dem das Subjekt sich in der falschen Welt eingräbt, um ihre Falschheit nicht bemerken zu müssen.
Sexualität entsteht aus dem Verhältnis zweier Körper, in dem einer wesenhaft Ware und der andere als Ganzer nicht anwesend ist. Lust ist aus diesem Verhältnis eliminiert, durch machtvolle Triebabfuhr ersetzt. Im Anfang ist Sexualität das Gegenteil dessen, was ihr unterstellt wird. Daß in ihr mehr liegt als Selbstkontrolle, merkt jeder, für sich und weil es allen eingeschärft wird, und es ist dieses schlechte Gewissen[95], daß da ist, was nicht sein darf, wodurch sich Sexualität als negativ Bewertetes ins Innere des Subjekts einschreibt[96], und sich dem anähnelt, was ihr unterstellt wird.
Sexualität öffnet einen Graben zwischen Lust und Körper. Sie, die eigentlich sich auf den Körper bezieht, wird von der Psyche, vom Geist verwaltet, dessen Geheimnis sie darstellt. Die Lüste sind nicht mehr einfach da, Natur, verströmender Überschuß, nicht mehr Ökonomie des Potlatch, sondern Sexualität unterliegt der Ökonomie, die sie hervorbringt. Lust hängt nicht am Körper, sondern am Mangel, den sie im sexuellen Subjekt konstituiert, und jeder Diskurs, jede Reflektion darüber vergrößert den Riss zwischen Lust und Körper. Jeder Energieüberschuß wandert in Produktion und Konsum ein.
Das Mädchen, die Frau sind für den Mann da, ihre Erfüllung liegt in der Produktion neuer Männer, weil ihnen das entscheidende Organ fehlt, mit dem Natur beherrscht werden kann. Von Penisneid durchdrungen, sind sie unfähig zu Triebaufschub, zu Sublimation von Lust, die zu Kultur führt und als männliche Domäne markiert ist. Spannungsentladung und Triebaufschub bezeichnen einen Körper, der keiner ist, da er unter der Fuchtel des Subjekts steht. Der Geist bestimmt den Körper, während es bei der Frau umgekehrt ist[97], kurz: Anatomie ist Schicksal. Das freudianische Ich-Modell des Subjekts ist dem Geschlechterverhältnis nachgebildet: das Ich (Subjekt) wird vom Es bedrängt (vom Unbewußten, von in die Frau projizierter Sexualität), während es vom Über-Ich (dem Repräsentanten der produzierten Welt) auf den richtigen Weg gebracht werden soll, der darin bestünde, das Es als Ich in dieses zurückzuholen (Introjektion projizierter Sexualität).
Geschlecht scheint auf melancholischer Identifizierung zu beruhen. Präödipale gleichgeschlechtliche Bindungen und Lieben werden verdrängt statt betrauert, das Ex-Liebesobjekt wird einverleibt und gibt die Folie ab für eigene Männlichkeit, indem dem innen aufgerichteten Männerbild nachgeeifert wird. Der Mann wird auf Heterosexualität eingeschworen, da jede Liebe zu einem anderen Mann ins Zentrum des Subjekts träfe und die Trauer erzeugte, die verleugnet wird. "Der Mann, der auf der Geschlossenheit seiner Heterosexualität beharrt, wird behaupten, daß er niemals einen anderen Mann geliebt und daher nie einen anderen Mann verloren hat. Und diese Liebe, diese Bindung unterliegt schließlich einer doppelten Verleugnung, einem niemals Geliebthaben und einem nie Verlorenhaben. Dieses 'Nie-und-nimmer' stiftet gewissermaßen das heterosexuelle Subjekt; seine Identität gründet auf der Weigerung, eine Bindung einzugestehen, und damit auf einer Weigerung zu trauern" (Butler 1995). Hierarchische Heterosexualität beruht darauf, daß Männern die Lust auf ihresgleichen mit der alten Welt verlorengegangen ist. Sie versuchen, sie neu zu produzieren statt ihren Verlust zu betrauern. Unter den Bedingungen abstrakter Gleichheit aller Vernunftsubjekte wäre produzierte Lust auf Männer ein massiver Angriff auf diese, da sie die alten, mit Passivität und Aktivität aufgeladenen Schemata wiederauferstehen ließe, in denen passive Männer Frauen wären.[98] Sexualität wäre, was von Lust übrig bleibt, wird ihr die Faszination fürs eigene Geschlecht entzogen, sobald es Geschlechter gibt. Doch die Sehnsucht nach dem Entzogenen kehrt entstellt wieder, da die Suche des melancholischen Subjekts ihm gilt.
Wie das Subjekt in der Produktion von Waren sich dem Prozess opfert, in dem es sich seiner vergewissert, also stirbt, um zu sein, so bleibt auch Sexualität der Ordnung des mythischen Opfers angehörig.[99] Ihre Vollendung ist der Tod, wahr ist sie im kleinen Tod[100] als Selbstauslöschung des Subjekts, das darin seine kurz aufblitzende Wahrheit zu finden meint. Sexualität bedeutet Überleben in einer toten Welt und Tod des einst Nicht-Toten ineins, ist Kompensation dafür, daß Lust auf Waren gerichtet ist. Die Bewegung des Fleisches, unsteuerbar fürs Subjekt, wird sublimiert in Sexualität, über die das Subjekt zu verfügen meint und Kontrolle erlangen will. Der Stachel des Fleisches sitzt tief, ihn idealistisch qua Subjekt zu kurieren, wird Mühe kosten[101] (und mißlingen). "Die sexuelle Revolte gegen die Liebe entspringt nicht nur einem fanatischen, besessenen Lustwillen, sie geht auch darauf aus, die Natur ihm gefügig und angemessen zu machen" (Benjamin 1983). Sexualität, weit davon entfernt, Natur zu sein, ist Geste ihrer fortschreitenden Unterwerfung.
Über die Popularisierung[102] von Freuds Theorie setzt sich, was heute unter Sexualität verstanden wird, gesellschaftsweit durch. Ihre Anerkennung verkennt ihr Wesen und korrespondiert mit erneuter Bewegung im Prozess, der Sexualität ist.
VIII. Sexualität: Tag
"Seht euch die Formen an, in denen sich der Kapitalismus ausdrückt. Es sind Pornographien: Pornographien der Liebe, der erotischen Liebe, der christlichen Liebe, der Kind-mit-seinem-Hund-Liebe, Pornographien von Sonnenuntergängen, Pornographien des Tötens und Pornographien der Deduktion - ahhh, dieses wollüstige Stöhnen, wenn wir den Mörder erraten -, all diese Romane und Filme und Songs, mit denen sie uns einlullen, sie sind Annäherungen, mehr oder weniger tröstliche Annäherungen an diesen einen Absoluten Trost. Den selbst herbeigeführten Orgasmus" (Pynchon 1994).
Irgendwann sind Frauen die lustlose, versteinerte Natur, die in der monogamen Familie ihre Pflicht erfüllen; irgendwann sind Männer die Schöpfer einer zweiten Natur[103] als Ersatz für die verlorene. Sowohl Frauen als auch Männer jonglieren fast den ganzen Tag mit Waren, und die Produktivität ist soweit gestiegen, daß Freizeit neben der Arbeit übrig bleibt und gefüllt werden muß.[104] Neben der Produktion von Waren tritt für die breite Bevölkerung Konsum ins Alltagsleben ein.[105] Alles kann konsumiert werden, sofern Geld da ist. Ein Genuß allerdings ist verlorengegangen: Lust. Die gelungene Disziplinierung von Frauen und Männern zu versteinerten Körpern und subjektiven Geistern läßt nicht mehr zu, was das Wegdisziplinierte neu ermöglichen soll. Sexualberatungsstellen schießen aus dem Boden und bieten ihre Dienste an, Ratgeber zur sexuellen Befriedigung von Frauen machen die Runde, es wird aufgeklärt, um das Verlorene wieder an den Mann zu bringen.[106] Eine ganze Traumindustrie etabliert sich, die beide Geschlechter mit dem Fehlenden beliefert.[107]
Die Frau ist so diszipliniert, daß sie als Ware mit einem neuen Schein von Lebendigkeit umkleidet werden kann. Nach einer langen Phase, in der ihr Körper verhüllt werden muß, weil er Bedrohung ausstrahlt[108], wird er wieder enthüllt oder sogar als selbstbewußte Frau verkleidet. Die Traumproduktion befördert diese Warenkörper und nimmt sie auf, ohne sie gäbe es keine Traumwaren. Kulturindustrie wird zur Fabrik, in der die jeweils neuesten Frauenkörper samt Verpackung produziert werden.[109] Endlich ist es gelungen, wirkliche Frauen zu kreieren, die nicht mehr bedrohlich sind, sondern nur so aussehen.
Die Flut produzierter Träume führt zur Erwartung, mit den produzierten Frauenkörpern lang vermißte Lust zu finden, die konsumierend nicht zu haben ist. Da Phantasmagorien keine Lust verschaffen, führt diese Frustration zu einer neuen Phase in der Verwarenförmigung von Frauenkörpern, zu ihrer vollständigen Sexualisierung, spiegelbildlich durchexerziert jeweils im Traumbild und am realen Körper. Das ist die industrielle Produktion von Sexualität[110], sie kleidet Frauenkörper künstlich in das, was zu ihrer Disziplinierung und zum Ausschluß aus dem männlichen Kontinuum des Seins geführt hat: in produzierte und domestizierte Natur, die simuliert, was fremde Natur an Sehnsucht nach heimischer erweckt, den Sehnsüchten entsprechend, in die die Verdrängung des Männerkörpers eingeht.
Die Sexualisierung der Frauen, die auf jede andere Ware übergreift, führt zu massiven Ängsten und Gegenbewegungen; es geht um Klassensexualitäten. Die meisten Männer verwechseln Bild und Realität, sie verwechseln die Sexualisierung der Gesellschaft mit vollständiger Emanzipation.[111]
Als sich die bürgerliche Gesellschaft konsolidiert, abstrakte Gleichheit faktisch hergestellt ist, Traumfabriken Bild um Bild produzieren, wird Sexualität Normalität für alle. Der Hunger nach versprochener Lust bringt Aufklärungsfilme, Pornographie, nackte Frauen überall, Aufweichung bürgerlicher Moral und Orgasmusforschung[112]. Der Frauentraumkörper, der Genuß verspricht, verändert sich als Reaktion auf die Normalisierung: er wird unweiblicher, dünner, mütterunähnlicher, kurz: jugendlicher; möglichst viele unterirdische Erinnerungsspuren sind am neuen Warenkörper getilgt.[113] Die Veränderung kulminiert in der propagierten Auflösung der Monogamie, es scheint der beständige Wechsel der zu konsumierenden Waren zu sein, der noch Genuß verspricht, ganz dem Zeitgeist korrespondierend: von der Produktions- zur Konsumgesellschaft. Sexualität wird warenförmig organisierte Überschreitung bestehender Tabus und Moralvorstellungen, die momentane Freiheit von Alltagszwängen verspricht; aber es verändert sich nichts, die Subjekte der Überschreitung bleiben in dieser die gleichen, reicher danach nur an Katzenjammer, nicht an Erfahrung. Sexualisierung ist nicht Erotisierung, Sexualität die Antithese zu Erotik. Wo jene mit dressierten Kunst- und Warenkörpern zu tun hat, die Spannungsentladung ermöglichen, damit weiter produziert werden kann, zielt diese auf etwas unwiederbringlich Verlorenes, daß heute nurmehr in der Sprache der Sexualität formulierbar wäre und dem die Sehnsucht, die zur Welt- und Körperproduktion führt, doch im Innersten gilt.[114] Die uralte Angst vor Erotik scheint gebannt, in Liebe überwunden, Sexualität droht nicht mit Abhängigkeit. Erotik bezöge sich auf soziale Zusammenhänge, die in der Subsumtion unters Kapital zu Staub zermahlen sind, Sexualität dagegen auf die persönliche Identität des Subjekts, die es zum Überleben braucht.
Sexualität bezeichnet, was der Warenkörper verspricht, und macht sich Frustration breit, da er nicht hält, was er verspricht, wird ein eben neuer produziert, auf den die alten Wünsche gerichtet bleiben. In der Lücke zwischen Warenkörper und seiner sexuellen Sprache, in ihrer Ungleichzeitigkeit, scheint jeweils neu auf, daß die Wahrheit der Sexualität nicht erreicht ist. Sexualität ist der verborgene Gott im Innenleben des Subjekts; wie jeder heilige Text müssen ihre Offenbarungen beständig kommentiert, neu gedeutet werden. Reflexion ist zwischen die Begegnung zweier Körper getreten und bildet einen undurchschreitbaren Spiegel zwischen Selbst und Anderem. An der Körpergrenze reflektiert, sowohl von innen als auch von außen, so daß Sexualität drinnen oszilliert, während sie außen unerreichbar ist, bleibt dem Subjekt nur: Reflektion über Reflektion, um die Grenze zu überschreiten. In sich stürbe es langsam hin.
IX. Sexualität. Abendröte
"einstmals sang der Sänger/über die Lerchen lieb,/heute ist er Zersprenger/mittels Gehirnprinzip,/stündlich webt er im Ganzen/drängend zum Traum des Gedichts/seine schweren Substanzen/selten und langsam ins Nichts" (Benn 1994).
In der Konsumgesellschaft tritt Produktion hinter Freizeitarbeit zurück. Fast nichts existiert, was nicht unters Kapitalverhältnis subsumiert ist. Dem melancholischen Subjekt ist es gelungen, die ganze Welt nachzubauen, alles ist Ware geworden und wird vom Tauschwert bestimmt. Die schleichende Auflösung der Monogamie tut das ihrige, Männer behandeln in ihrer Suche nach Lust Frauen so als sexualisierte Objekte, daß diese aufbegehren. Die abstrakte Gleichheit und Freiheit aller Subjekt scheint reell geworden, so daß die hierarchische Unterordnung von Frauen und ihre strukturelle Benachteiligung innerhalb der Gesellschaft antiquiert erscheinen. Die Gesellschaft kann es sich leisten, vollständig sexualisierten Frauenkörpern nach und nach Subjektcharakter zuzugestehen, ohne daß ihr sexualisierter Status aufgehoben würde.[115] Für weibliche Subjekte bahnt sich der Weg zur Integration in die Männergesellschaft. Die Integration zieht eine weitere Entweiblichung des Ideals des Frauenkörpers und massive Folgedisziplinierungen von Frauen nach sich, die dem Ideal sich anähneln wollen und müssen[116] oder ihm sich verweigern und es damit ernst nehmen und unterstützen. Etwas Neues durchzusetzen, sind Frauen allemal gut. Ist das Neue Alltag, wird ihre Stärke hinderlich. Ganz zurückzunehmen ist das Erreichte nicht, aber es wird in Selbstzwang transformiert, die eigenen, nun neu (und selbst) gesteckten Grenzen nicht mehr zu verlassen. Die kurzhaarige Frau mit Schlips wird zwar Managerin, aber als gezähmte. Der Verzicht auf die traditionelle Rolle führt zur Neuauflage des schlechteren Mannes, wenn nicht eh die alten Bahnen in einer neuen Runde durchlaufen werden: die selbstbewußte Frau mit neuen, selbst erkämpften Pflichten zu den alten dazu. Anorexie und Lustlosigkeit funktionieren als paradoxes Freiheitsversprechen, wo Frauen sich Männern unterzuordnen haben, doch Askese ist nichts Befreiendes, sondern das unter männlichem Bann stehende Heilsversprechen für einzelne im Bestehenden.
Daß Befreiung ausbleibt[117], liegt in der Logik der Konsumgesellschaft. Allein Subjekte konsumieren, und die Hälfte der Gesellschaft vom allgemeinen Konsum auszusperren, widerspricht der fortschreitenden Bewegung des Werts, der geschlechtslos ist wie die Subjekte mit biologisch ausdifferenzierten Körpern, die er zu seiner Realisierung braucht.
Das Mannsubjekt verliert seine Vorherrschaft[118]. Die Gesellschaft besteht aus konsumierenden Subjekten, deren Körperlichkeit als solche nichts bedeutet. In der abstrakten Gleichheit aller Subjekte läßt die Trennung in sexualisierte und Nicht-Körper sich nicht aufrechterhalten. Auch weibliche Subjekte sehnen sich, als Subjekte, nach dem Genuß produzierter Natur, in andere Körper projiziert und in ihnen produziert. Es tauchen sexualisierte Männerkörper[119] auf, die konsumiert werden wie Männer Frauenkörper konsumieren. Frauensubjekte lernen, gegen ihre Sexualisierung sich zur Wehr zu setzen, als Subjekt können und wollen sie nicht Naturobjekt sein; Männer wehren sich gegen ihre Sexualisierung durch Resexualisierung von Frauenkörpern.[120] Aus diesem Kreislauf gibt es nur zwei Auswege: zwei Warenkörper konsumieren sich gegenseitig, wobei das Geschlecht gleichgültig[121] wird und die Naturrolle beständig wechselt, oder die Reduktion des Anderen auf den Körper wird gewalttätig erzwungen.[122]
Die Traumfabriken der Kulturindustrie sind mit Sexualität durchtränkt[123], sie liefern utopische Körperwaren, die als Simulation fehlende Körperlichkeit ersetzen. Sexualität ist ins Imaginäre abgewandert, zum Wesen der Waren geworden, die nicht der Reproduktion des banalen Lebens dienen. Sexualität ist wie Sport[124]. Zwar gibt es noch keine Wettkämpfe im Stadion, aber ähnlich wie die Vermarktung eines Sport-Events diesen selbst in den Schatten stellt, hat sich Sexualität eine mediale Präsenz erobert, die dem Grad ihrer Verwarenförmigung entspricht. Hypersichtbar geworden, droht das Sexuelle in totaler Durchsichtigkeit zu verschwinden. "Alles ansehen, nichts anfassen" (Benjamin 1983). Berührt werden darf nur die gekaufte Ware, so funktioniert Sexualität: sie produziert Berührungslosigkeit. Als medial vermitteltes Erlebnis gekauft, negiert sie körperliche Erfahrung und produziert ihr Gegenteil, Askese. Sehnsucht nach Lust wird größer, wenn gegenseitiger Konsum darin besteht, im Beisein des Anderen sich selber zu konsumieren: Selbstbefriedigung zu zweit.[125]
Langsam aber sicher werden Subjekte, was sie ihrem Begriff nach sind: körperlose Leichen[126], die sich warenförmige Kunstkörper produzieren.[127] Der grassierende Körper- und Gesundheitskult ist die Kehrseite davon, daß die Arbeit am Körper (und das ist Arbeit!) die schwindende Bedeutung des Körpers verdeckt. Körperarbeit zieht einen Rattenschwanz an neuen Waren nach sich, kurbelt den Konsum an und überdeckt den Leichengeruch[128] absterbenden Fleisches. Die kulturindustriellen Traumkörper, denen selbstbestimmte Körperproduktion nacheifert, sind ätherisch, unweltlich geworden, daß es scheint, als ob Sexualität ihnen entzogen wäre, als ob die Produzenten von Traumwaren wüßten, daß die Sexualität ihrer Waren unerreichbar weit vom Alltag sich entfernen muß, damit die Subjekte die Suche nach ihr nicht aufgeben. Diese "Ätherisierung"[129] der Sexualität ist Bedingung ihres Fortbestehens und zugleich Beginn ihres Verschwindens, ihres Aufgehens in Ästhetik. Schönheit wird entsexualisiert, die Traumbilder zeigen kaum Spuren, daß sie verwickelt wären in das, was sie repräsentieren sollen. "Nichts eigentlich Lebendiges ist wahrhaft schön. Daher ist das wesenhaft Schöne Schein, wo es sich an das eigentlich Lebendige haftet" (Benjamin 1983). Die Schönheit der Warenkörper ist ihr Tauschwert, der den Schein zu umgehen scheint, indem er suggeriert, Schönheit wäre ein Wesensmerkmal der Schönen, an der lebendigen Ware als ihr Gebrauchswert verhaftet. Der Kult um "schöne" Models zeigt die Unlebendigkeit des Schönen. Schönheit wird nicht offenbart, sondern enthüllt. In der Enthüllung verschwindet Sexualität, sie ist den Körpern so nah gekommen, daß sie aus dem Blick gerät.[130] Sie hat ihre Aura verloren, die auf reine Kunstkörper übergeht, die fern sind wie die fernsten Sterne, ohne daß sie dort heimisch wird, weil die Sterne auf die Erde gefallen sind und nur in der nahen Traumwelt entfernt erscheinen.
Rechtzeitig kommt der Traum von imaginärer Lust, der die endgültige Trennung von Sexualität und Körper als paradiesische Erlösung feiert. Jegliche Distanz zwischen Sexualität und Geist wäre aufgehoben[131], als verwirklichter schriebe er die vollständige Einsamkeit für sich agierender Subjekte fest[132]: Sex mit virtuellen Körpern im Cyberspace, während der Realkörper als reine Natur dahinvegetiert oder als Kunstprodukt zur Schau getragen wird, das nicht angefaßt werden darf, da sonst seine Komposition zu zerbrechen droht.
Eigentlich gibt es Sexualität nicht mehr. Sie hat, als Normalität gewordene, geradezu eingeforderte, jedes Moment von Überschreitung verloren, das noch mehr oder minder Reste von Sinnlichkeit garantierte. Als Mechanik hat sie sich vom Fleisch emanzipiert und formt sich ihre Körpermaschinen. Ihre Simulation überlebt, weil die abstrakte Gleichheit aller Subjekte noch nicht allgemein ist, sondern von Residuen geschlechtlicher Differenzierung durchzogen bleibt, so wie simulierte Überschreitung überlebt, in der das Sinnliche als Schein des Konsumierten mit diesem verzehrt wird. Selbst in asexuellen Zeiten bleibt Vergewaltigung verbreitet, aber sie ist als Machtausübung zu verstehen, als souveräner Kitzel von über der Subjektegalität stehenden Männern, die ihre Einebnung in die Masse nicht wahrhaben wollen, ist dem Verprügeln eines "Penners" durch Skins ähnlicher als dem normalen Beischlaf im Ehezimmer. Die spätmodernen Spielarten der Sexualität, die "normale" Heterosexualität zu überschreiten meinen - S/M, Homosexualität, Askese, die nicht als christliche Einsamkeit konzipiert ist, Gewalt und Gewaltinszenierungen (Splatter), Sexualität mit Kindern[133]- sind neben der Möglichkeit, aus ihnen Identität zu ziehen, der verzweifelte Versuch, Souveränität zu erwirken, wo das Subjekt in den Maschen der Macht verschwindet. Daß sich die Faszination für die Domina in Leder mit Peitsche und die Tatsache, daß sexuelle Verbrechen fast ausschließlich von Männern begangen werden, nicht widersprechen, liegt daran, daß das seiner Identität sich versichernde Subjekt einst männlich konnotiert war: aktiv, latent sadistisch qua Normalität. Der Vergewaltiger, der Splatter-Mörder (und sein Zuschauer) sind auf der Suche nach dem alten Mannsubjekt, die Maso-Männer, die schwarze Stiefel lecken, haben die Schnauze voll davon, diese Rolle zu spielen, und brechen zeitweilig aus, um sie im Alltag desto besser erfüllen zu können. Sexualität und ihre Verweigerung oder Inszenierung wird zum hilflosen Mittel, zum letzten Mal Reste von Sinnlichkeit, von eigener Natur zu verspüren, die ganz in Sexualität aufgegangen und in ihr verschwunden sind. Um Lust geht es nicht.
"Objektiv ist Subjektivität out, aber subjektiv wird sie von den Menschen begehrt, um der Objektivität ihrer persönlichen Konstitution zu entkommen" (Heitmüller 1994). Vielleicht bleibt das so, da die endgültige Gleichheit aller Subjekte ihr Ende wäre, Barbarei oder Revolution. Vielleicht wird es in Zukunft weibliche und männliche Subjekte geben, die simulieren, was sie nicht mehr sind, um Subjekte bleiben zu können, die zu verschwinden drohen, wodurch reale strukturelle Benachteiligungen von Frauen und ihnen entgegenschlagende Gewalt irrealer erscheinen, ohne zu verschwinden. "Es gilt für die Menschen wie sie heute sind nur eine radikale Neuigkeit - und das ist immer die gleiche: der Tod" (Benjamin 1992). Erotisch erscheint, wo alles Konsum ist, nur noch die Leere, das Nirwana.
X. Sexualität. Finsternis
"Nach Chaos kommt Eros - das dem Nichts des uneingeschränkten Einen implizite Ordnungsprinzip. Liebe ist Struktur, System, der einzige von Sklaverei & Betäubung nicht berührte Code" (Bey 1994).
Das Subjekt, reiner Geist, männlich wie weiblich, verliert den Rettungsanker Sexualität, mit dem es sich in sein Sein und seine falsche Welt gekrallt hat, wenn der Körper ganz selbstproduziert, wenn Sexualität reine Warenform geworden ist, wenn nichts mehr im Kontakt der reinen Kunstkörper, der verkörperten Waren Subjektgrenzen annagen kann oder Natur in Erinnerung ruft. Der Körper, Phantasma des Leibes, wäre doppelt gespenstisch in Geist aufgegangen, aus Angst vor dem Tod wäre er die Leiche, gegen deren Bild das Subjekt sich erhält. Selbstentfremdung hätte ein Niveau erreicht, auf dem es keine Fremdheit gibt, da keine Welt existiert, die aus dem Immergleichen herausragt. Der Tod scheint im Aufgehen des Subjekts in reinem Geist endgültig besiegt, in Maschinen "verkörpert" und beliebig von einer auf die andere transformierbar wäre das Subjekt wie die fremde Welt ersetzt durch Cyber-Imaginationen.
Vergeistigt und körperlos wäre niemand zufrieden, nichts spiegelte wider, was das Subjekt sucht; was es produziert, hätte keinen Bezugspunkt, wenn tatsächlich alles Objekt des Subjekts ist. Das entsexualisierte Subjekt implodierte, verschwömme in der von ihm produzierten Natur konturlos. In der Welt hinter dem Einstöpseln gibt es keine Grenzen, Bedingung der Existenz von Subjekten. Subjektivität wäre eine beliebige Sequenz konvertierbarer Bits.
Daher die Möglichkeit, Sexualität als Konstruktion zu entlarven, daher der unaufhörliche Diskurs über Sexualität, der das Andere des Subjekts sicherzustellen, zu bewahren scheint, das Andere, das kein Anderes ist, sondern das Subjekt selbst, das dieses Andere als Gegenmittel gegen Implosion produziert. Daher die Entlarvung neuer Sexualitäten, während das früher Fremde zu Wissen, jeglichen Anderem entkleidet, geworden ist, vom Subjekt inkorporiert und katalogisiert, entnatürlicht zu zweiter Natur unter den Argusaugen der Wissenschaft.
Der Orgasmus als kleiner Tod[134], romantisch phantasierte Restnatur, in dem das Subjekt sich seine Auflösung in die Natur simuliert, die es verloren hat, wäre in verkabelte Geschlechtsorgane gezähmte Statistik, reine Subjektsprache, die Gräben unter Illusionen begräbt, sinnlos wie Betonbäume oder sinnvoll wie fünfzig Sit-Ups im Fitness-Studio.
Als vollständig gezähmte ist Sexualität zwecklos fürs Subjekt. Zwar liegt's im Wesen der Sexualität, gezähmt zu sein, aber wenn in Sexualität gezähmt Lust verlorengeht, bleibt von Sexualität überhaupt nichts übrig: sie wird Arzneimittel zur Spannungsauflösung, ersetzbar durch Medikamente zur Muskelrelaxation. Denn Sexualität ist jenseits ihres Wesens auch, was sie nicht ist und nie werden wird, Residuum für Freiheit und Lust, die unerreichbar für das Subjekt sind und es doch insoweit ausmachen, als es unkörperlich danach strebt, was nur in der Versöhnung von Körper und Geist zu haben wäre. Dieses Paradox läßt viele Subjekte in sich kreisen: im ausufernden Reden über Sexualität taucht der Topos auf, daß unwichtig sei, worüber viel geredet wird. Wenn die Körper so künstlich sind, so unfremd, falsch unfremd, kann kein körperlicher Kontakt Subjektgrenzüberschreitung, Bedingung von Freiheit, ahnen, höchstens noch simulieren oder imaginieren lassen. Das Subjekt opfert sich dem Prozess, in dem es Natur opfert, um selbst zu werden. Der postmoderne Diskurs über die Dekonstruktion von Subjekt und Sexualität wäre der verzweifelte und hilflose letzte Schritt, im Reden über ihr Verschwinden beides zu retten
Sexualität wird spannungslose Arbeit statt gespannter Lust: Arbeit, nicht Sinnfindung, oder die Sinnfindung, die Arbeit nicht mehr bietet. Marxens Diktum erfüllt sich paradox, die reelle Subsumption der Arbeit unters Kapitalverhältnis tritt nicht als allgemeine Durchsetzung der Lohnarbeit auf, sondern als vollständige Durchsetzung der Arbeit an sich selber, ohne daß jemand es merkt, weil alle freiwillig mitmachen. "Erotik gehört zu einer Gesellschaft, die von der Arbeit organisiert ist" (Bataille 1994), in der Luxus das Heilige ist und das Profane den Alltag bestimmt, Sexualität dagegen zu einer vom Konsum organisierten, in der die Ware heilig ist. Wo genug Zeit für Erotik wäre, verschwindet sie und transformiert sich ganz in Sexualität, der jeder Kitzel abgeht. Auf den Begriff gebracht, verschwindet das Begriffene. Dekonstruiert werden kann nur, was eh nicht mehr ist.
Solange das Subjekt Subjekt bleibt, gewinnt die Suche nach Sinn und wahrer Sexualität Suchtcharakter; gesucht wird, worin es ein Anderes und doch nicht Fremdes sehen kann, da es Fremdheit nicht erträgt und doch Anderes braucht. Als Surrogat wird genommen, was wenigstens mit in es gelegten Worten antworten kann. Verzichtet das Subjekt darauf, hätte es sich lebendig begraben, verzweifelte es endgültig an der fremden Welt, wäre nicht Subjekt, sondern mechanisches Rädchen, die Leere, der es gegenübersteht. Es wäre der Graben, den es gezogen hat.
An die Stelle der Sexualität setzte sich der reine Kunstkörper. Er, funkelnd in der fremden Warenwelt, ist der Lichtfunken, der Trost spendet, ob als virtueller im Netz (als Avatar) oder als mühsam im Training gestählter. Er wäre Stützpunkt gegen die Gefährlichkeit der anderen Waren, die Natur zerstören, also auch unfertige Körper (der faschistische Zwang zur Gesundheit ist nicht mehr weit); Sexualität wäre eine Aktivität, die den Lichtkörper beschmutzt, abnutzt. Er macht nur als asketischer Sinn, erotisch aufgeladen in der Verweigerung jeder Lust, und nur Narzismus verspräche höchste Wonnen.
Und doch geht Hoffnung allein vom Körper aus[135], da nur ihnen Reste der einst nicht stummen Natur vorhanden sind, wenn alles Beton geworden ist. Wenn der Magen unerträglich grummelt, der Kopfschmerz pocht, wenn das letzte Außer-Sich-Sein in Körperspielen verlorengeht, mag noch ein kritischer Impuls im Subjekt sich melden, doch nicht der Nabel der Welt zu sein, ein kritischer Impuls, daß doch irgendwas falsch läuft in der besten aller Welten. Aber Freizeitindustrie, Medizin und Therapien stellen genug Surrogate zur Verfügung, mit denen jedes Leid des Subjekts an sich und der fremden Welt durch fremdere, aber neue Waren überspielt wird. Wir sind gespannt, welche Surrogate demnächst Sexualität in der falschen Gesellschaft ersetzen werden.
Immense Hüllen aus Worten, Staubstürme, die den Blick verdecken, lagern sich um den abstrakten Subjektkern und damit um Sexualität, um so dichter, aus je feinerem Staub, je deutlicher die nackte Wahrheit sichtbar wäre, damit die Selbstentmächtigung des Subjekts nicht stattfindet, die stattfindet, wenn die Staubschicht undurchdringlich geworden ist. Das Subjekt ist seine Entmächtigung, Sexualität seine nie erreichbare Wahrheit, die darin bestünde, nicht zu sein.
Über Sexualität zu reden, oder eine befreite einzufordern, hieße, sich selbst als Subjekt zu retten, was wichtig insofern ist, als subjektlose, dekonstruierte Subjekte die vollendete Barbarei anzeigten, den totalen Warentausch, hieße aber gleichzeitig, das zu retten, was einer Rettung am allerersten im Wege steht, wäre Verzicht auf jede Kritik. Es gälte, über subjektlose Erotik selbstbewußter Individuen zu phantasieren, in der Ich und Nicht-Ich gleichberechtigt zu ihrem Recht kämen. Nur wer es vermöchte, in der blinden somatischen Lust, die keine Intention hat und die letzte stillt, die Utopie zu bestimmen, wäre einer Idee von Wahrheit fähig, die standhielte. Erst dem gestillten leibhaften Drang versöhnte sich der Geist und würde, was er so lange nur verheißt, wie er im Bann der materiellen Bedingungen die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse verweigert. Die Zukunftsdrohung ins erfüllte Jetzt zu verwandeln ist Werk leibhafter Geistesgegenwart.
* * *
Benutzte Literatur:
Adorno, Theodor W.: Minima Moralia, Frankfurt 1991.
Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik, Frankfurt 1992.
Adorno, Theodor W.: Sexualtabus und Recht heute, in: Adorno, Eingriffe, Frankfurt 1963.
Adorno, Theodor W.: Zu Subjekt und Objekt, in: Stichworte, Frankfurt 1969.
Barrow, John D.: Die Natur der Natur, Heidelberg/Berlin/Oxford 1993.
Bartky, Sandra Lee: Foucault, Feminity and the Modernization of Patriarchal Power, in: Diamond/Quinby: Feminism & Foucault, Boston 1988.
Bataille, Georges: Die Erotik, München 1994.
Baudelaire, Charles: Die Blumen des Bösen, Stuttgart 1992.
Beckmann, Jan P.: Wilhelm von Ockham, München 1995.
Béjin, Andrè: Die Macht der Sexologen und die sexuelle Demokratie, in: Masken des Begehrens, Frankfurt 1992.
Benjamin, Walter: Charles Baudelaire, Frankfurt 1992.
Benjamin, Walter: Das Passagen-Werk, Frankfurt 1983.
Benjamin, Walter: Fragmente Autobiographische Schriften (=Gesammelte Schriften, Bd. VI), Frankfurt 1991.
Benjamin, Walter: Über die Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen, in: Benjamin: Angelus Novus; Frankfurt 1988.
Benjamin, Walter: Ursprung des deutschen Trauerspiels, Frankfurt 1992.
Benn, Gottfried: Gedichte, Frankfurt 1994.
Bentin, Wolfgang: Sexualität/Liebe - Neuzeit, in: Dinzelbacher: Europäische Mentalitätsgeschichte, Stuttgart 1993.
Bey, Hakim: TLZ, Berlin 1994.
Bock, Gisela/Duden, Barbara: Arbeit aus Liebe - Liebe als Arbeit. Zur Entstehung der Hausarbeit im Kapitalismus, in: Frauen und Wissenschaft, Berlin 1977.
Bordo, Susan: Unbearable Weight, Berkeley/Los Angeles/London 1993.
Braun, Christina von: Nicht Ich, Berlin 1985.
Braun, Karl: Die Krankheit Onania, Frankfurt/New York 1995.
Bredow, Wilfried von/Noetzel, Thomas: Befreite Sexualität? Hamburg 1990.
Buck-Morss, Susan: Dialektik des Sehens, Frankfurt 1993.
Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt 1991.
Butler, Judith: Melancholisches Geschlecht/Verweigerte Identifizierung, in: Benjamin, J.: Unbestimmte Grenzen, Frankfurt 1995.
Clévenot, Michel: Licht und Schatten - das Zeitalter des Barock, Luzern 1997.
Dery, Mark: Cyber, Berlin 1997.
Descartes, René: Von der Methode, Hamburg 1962.
Dietzfelbinger, Konrad (Hg.): Schöpfungsberichte aus Nag Hammadi, Andechs 1989.
Dinzelbacher, Peter: Individuum/Familie/Gesellschaft - Mittelalter, in: Dinzelbacher: Europäische Mentalitätsgeschichte, Stuttgart 1993.
Dionysius Areopagita: Von den Namen zum Unnennbaren, Freiburg 1990.
Eidam, Heinz: Discrimen der Zeit. Zur Historiographie der Moderne bei Walter Benjamin, Würzburg 1992.
Felber, Anneliese: Harmonie durch Hierarchie? Wien 1994.
Finley, Moses I.: Die antike Wirtschaft, München 1993.
Flasch, Kurt: Aufklärung im Mittelalter? Die Verurteilung von 1277, Mainz 1989.
Flaubert, Gustave: Die Versuchung des heiligen Antonius, Zürich 1979.
Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge, Frankfurt 1990.
Foucault, Michel: Mikrophysik der Macht, Berlin 1978.
Foucault, Michel: Nietzsche, die Genealogie, die Historie, in: Foucault: Von der Subversion des Wissens, Frankfurt 1991.
Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit I. Der Wille zum Wissen. Frankfurt 1989a.
Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit II. Der Gebrauch der Lüste, Frankfurt 1989b.
Foucault, Michel: Überwachen und Strafen, Frankfurt 1989c.
Foucault, Michel: Wahnsinn und Gesellschaft, Frankfurt 1992.
Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur, in: Freud: Kulturtheoretische Schriften, Frankfurt 1974.
Freud, Sigmund: Die infantile Sexualität, in: Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Frankfurt 1991.
Freud, Sigmund: Trauer und Melancholie, in: Freud: Das Ich und das Es, Frankfurt 1996.
Freud, Sigmund: Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens, in: Freud: Schriften über Liebe und Sexualität, Frankfurt 1994.
Garber, Klaus: Zum Bilde Walter Benjamins, München 1992.
Green, Henry A.: The Economic an Social Origins of Gnosticism, Atlanta 1985.
Günther, Horst: Das Erdbeben von Lissabon, Berlin 1994.
Hegener, Wolfgang: Das Mannequin, Tübingen 1992.
Heimsoeth, Heinz: Die sechs grossen Themen der abendländischen Metaphysik und der Ausgang des Mittelalters, Darmstadt 1981.
Heitmüller, Elke: Zur Genese sexueller Lust, Tübingen 1994.
Hirschauer, Stefan: Wie sind Frauen, wie sind Männer? Zweigeschlechtlichkeit als Wissenssystem, in: Was sind Frauen?Was sind Männer? Frankfurt 1996.
Høeg, Peter: Fräulein Smillas Gespür für Schnee, München 1994.
Honegger, Claudia: Die Ordnung der Geschlechter, Frankfurt/New York 1991.
Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt 1989.
Hunt, Lynn: Obszönität und die Ursprünge der Moderne, in: Hunt (Hgin.): Die Erfindung der Pornographie, Frankfurt 1994.
Irigaray, luce: Speculum.. Spiegel des anderen Geschlechts, Frankfurt 1980.
Jacob, Margaret C.: Die materialistische Welt der Pornographie, in: Hunt (Hgin.): Die Erfindung der Pornographie, Frankfurt 1994.
Jonas, Hans: Gnosis und spätantiker Geist I, Göttingen 1988.
Khayaam, Omar: Die Rubaiyyat, Berlin 1995.
Klibansky, Raymond/Panofsky, Erwin/Saxl, Fritz: Saturn und Melancholie, Frankfurt 1992.
König, Eugen: Körper - Wissen - Macht, Berlin 1989.
Kracauer, Siegfried: Das Ornament der Masse, Frankfurt 1977.
Kroker, Arthur: Der digitale Körper/Digital Flesh, Bern 1996.
Laqueur, Thomas: Auf den Leib geschrieben, Frankfurt/New York 1992.
Leibnitz, Gottfried Wilhelm: Monadologie, Frankfurt 1996.
Levack, Brian P.: Hexenjagd, München 1995.
Löwith, Karl: Weltgeschichte und Heilsgeschehen, Stuttgart/Berlin/Köln 1990.
Lüscher, Rudolf: Henry und die Krümelmonster, Tübingen 1985.
Maase, Kaspar: Grenzenloses Vergnügen, Frankfurt 1997.
Marcuse, Herbert: Gespräche mit Herbert Marcuse, Frankfurt 1978.
Marcuse, Herbert: Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt 1990.
Marx, Karl: Das Kapital I (=MEW 23), Berlin-Ost 1962.
Marx, Karl: Die deutsche Ideologie (=MEW 3), Berlin-Ost 1983a.
Marx, Karl: Grundrisse zur Kritik der politischen Ökonomie (=MEW 42), Berlin-Ost 1983b.
McIntosh, Mary: The Homosexual Role, in: Stein (Editor): Forms of Desire, Ney York/London 1992.
Meyer-Büser, Susanne: Bubikopf und Gretchenzopf, Heidelberg 1995.
Miller, James: Die Leidenschaften des Michel Foucault,
NESTBESCHMUTZ: Wider die Wahrheitsapostel, in: NESTBESCHMUTZ. Göttinger Anti Faltbuch, Göttingen 1995.
Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft, in: Nietzsche, Kritische Studienausgabe, Bd. 3, München 1988b.
Nietzsche, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse, in: Nietzsche, Kritische Studienausgabe, Bd. 5, München 1988a.
Nigg, Walter: Das Buch der Ketzer, Zürich 1986.
Nikolaus von Kues: De coniecturis/Mutmaßungen, Hamburg 1988.
Onfray, Michel: Philosophie der Ekstase, Frankfurt/New York 1993.
Pini, Udo: Liebeskult und Liebeskitsch, München 1992.
Plotin: Seele - Geist - Eines, Hamburg 1990.
Pluta, Olaf: Materialismus im Mittelalter, in: Flasch/Jeck: Das Licht der Vernunft, München 1997.
Porter, Roy: Kleine Geschichte der Aufklärung, Berlin 1991.
Pynchon, Thomas: Die Enden der Parabel, Reinbek 1994.
Roes, Michael: Rub' Al-Khali - Leeres Viertel, Frankfurt 1996.
Schmidt, Thomas E.: Im Schatten der Körper der Starmodels, in SZ vom 28.9.96.
Scholem, Gershom: Sabbatai Zvi, Frankfurt 1992.
Schubert, Venanz: Plotin, Freiburg/München 1973.
Sissa, Giulia: Platon, Aristoteles und der Geschlechterunterschied, in: Duby/Perrot: Geschichte der Frauen. Antike, Frankfurt/New York 1993.
Spinoza, Baruch: Die Ethik nach geometrischer Methode dargestellt, Hamburg 1994.
Sprendel, Rolf: Körper und Seele - Neuzeit, in: Dinzelbacher: Europäische Mentalitätsgeschichte, Stuttgart 1993.
Thomas von Aquin: Die Philosophie des Thomas von Aquin, in Auszügen aus seinen Schriften, Hamburg 1977.
Trallori, Lisbeth N.: Vom Leben und vom Töten, Wien 1990.
Vaughan-Lee, Llewellyn (Hg.): Die Karawane der Derwische, Frankfurt 1997.
Veyne, Paul: Homosexualität im alten Rom, in: Masken des Begehrens, Frankfurt 1992.
Walker Bynum, Caroline: Fragmentierung und Erlösung, Frankfurt 1996.
Walker Bynum, Caroline: The Resurrection of the Body, New York 1995.
Weigel, Sigrid: Entstellte Ähnlichkeit, Frankfurt 1997.
* * *
Fußnoten:
[1] Welchen Spannungsbogen die Diskussion umgreift, zeigt ein Blick auf seine äußeren Pole: Judith Butler (1991) löst menschliche Natur in Gesellschaft auf, ein der Diskussion, die unter dem Namen Poststrukturalismus firmiert, insgesamt eigener Zug, während die berüchtigte Soziobiologie das Gegenteil propagiert: die Rückführung alles Seins auf Natur.
[2] "Bei der Macht handelt es sich in Wirklichkeit um Beziehungen, um ein mehr oder weniger organisiertes, mehr oder weniger pyramidalisiertes, mehr oder weniger koordiniertes Bündel von Beziehungen" (Foucault 1978). Macht ist beweglich, nur wo Machtbeziehungen eingefroren sind, existiert Herrschaft.
[3] Was nichts anderes meint, als auf die eh nie zu gewinnende Erkenntnis zu verzichten, welches Wesen Sexualität wirklich besitzt, sondern statt dessen Bruchstellen, Diskontinuitäten in der Geschichte aufzuspüren sucht, an denen die Erscheinungsform des Sex sich radikal verändert. "Als Analyse der Herkunft steht die Genealogie also dort, wo sich Leib und Geschichte verschränken. Sie muß zeigen, wie der Leib von der Geschichte durchdrungen ist und wie die Geschichte am Leib nagt" (Foucault 1991).
[4] Hier wird verzichtet zu bestimmen, was "materialistisch" heute meinen kann: das wäre eine überfällige Diskussion. Daß im Spätkapitalismus keine Theorie mit kritischem Anspruch hinter Marx zurückfallen darf, liegt auf der Hand. Keine Diskursanalyse oder Dekonstruktion sättigt einen Hungernden oder mildert das Leid einer vergewaltigten Frau.
[5] Diese Funktion übernehmen linke Diskurse über Sexualität, wenn KritikerInnen ihre eigene Verstricktheit ins Kritisierte außen vor lassen und nicht mitreflektieren. Das führt zu ritualisierten Formen der Ausgrenzung - beispielhaft vorgeführt, als einige in Hamburg die Zeitschrift "Arranca" wegen ihres Schwerpunktthemas "Sexualität" aus dem (Waren-)Verkehr ziehen wollten.
[6] Der Bruder von Ludwig XIII. an Richelieu (der aus den 3 Musketieren): "Es gibt kaum ein Drittel Eurer Untertanen auf dem Lande, das normales Brot ißt; ein weiteres Drittel ißt nur Haferbrot; das letzte Drittel ist nicht nur nicht zur Bettelei gezwungen, sondern stirbt buchstäblich vor Hunger und kann sich (...) nur mit Eicheln, Gras und vergleichbaren Dingen am Leben erhalten" (zit. n. Clévenot 1997). Das ist keine Übertreibung, ähnlich sah es überall in Europa aus.
[7] Einige ziehen daraus die Folgerung, daß es keinen Gott gibt. "Wenn ich dieses Leben verlasse, trete ich ein ins Nichts./Oh, in welch jämmerlichem Zustand befindet sich unser Dasein" (Vallée, zit. n. Clévenot 1997). In Paris soll es Mitte des 17. Jahrhunderts 20.000 Ungläubige gegeben haben.
[8] Galilei wird dafür von der Kirche verfolgt, denn "wenn die Erde nur ein Planet unter anderen ist, befindet sich die Geschichte vom Sündenfall und der Erlösung an einem nicht-privilegierten Ort der Kosmologie. Die anderen Planeten hätten den gleichen Status wie die Erde (...). Doch da diese nicht von Adam und Eva abstammen, werden sie weder den Sündenfall noch den Fluch der Arbeit geerbt haben" (Kuhn, zit. n. Clévenot 1997). Der Ankläger Galileis ist allerdings nicht dumm. Hätte Galilei die Dekonstruktion des antiken Kosmos als Hypothese formuliert (mehr war sie auch nicht), hätte ihn die Inquisition in Ruhe gelassen.
[9] Aber nicht den Juden. Sie feierten überschwenglich einen neuen Messias: Sabbatai Zvi (Scholem 1992); er soll den Tikkun vollenden, die Wiederherstellung der göttlichen Ordnung, der die nach dem Modell der Vertreibung der Juden aus Spanien gedachten Zerstreuung voranging.
[10] Überrollt von der imperialen Macht Roms, entmündigt unter fremder Verwaltung, ächzend unter der Steuerlast, mit der die Militärmaschinerie und die Bürokratie unterhalten wurden, suchten die Menschen der Spätantike Zuflucht im entstehenden Christentum, in der Gnosis und in neuplatonisch-mystischer Spekulation über die letzten Dinge. Das Göttliche wird im Selbst und nicht in der Welt gesucht, die zum Bösen, Niedrigen, Fremden mutiert.
[11] "Bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts hat die Ähnlichkeit im Denken der abendländischen Kultur eine tragende Rolle gespielt (...) Die Welt drehte sich in sich selbst: die Erde war die Wiederholung des Himmels, die Gesichter spiegelten sich in den Sternen, und das Gras hüllte in seinen Halmen die Geheimnisse ein, die den Menschen dienten" (Foucault 1990). Gott garantierte die Ähnlichkeit je zweier Dinge. Kein Ding wurde durch ein anderes bezeichnet, da der alles Bezeichnende zwischen ihnen stand. Dieses Kontinuum wird nun aufgesprengt; aus der ternären Struktur entsteht die binäre aus Signifikat und Signifikant.
[12] "Die Sprache der Natur ist einer geheimen Losung zu vergleichen, die jeder Posten dem nächsten in seiner eigenen Sprache weitergibt, der Inhalt der Losung aber ist die Sprache des Postens selbst. Alle höhere Sprache ist Übersetzung der niederen, bis in der letzten Klarheit sich das Wort Gottes entfaltet, das die Einheit dieser Sprachbewegung ist" (Benjamin 1988). Wenn Natur verstummt, ist der Mensch von ihr abgeschnitten.
[13] "Der tragische Tod hat die Doppelbedeutung, das alte Recht der Olympischen zu entkräften und als den Erstling einer neuen Menschheitsernte dem unbekannten Gott den Helden hinzugeben" (Benjamin 1992a).
[14] "Die als theologische Wahrheit aufgefaßte Verlassenheit der Natur ist die Quelle der Melancholie der Allegoriker" (Buck-Morss 1993).
[15] Ähnlich steht's mit dem Tauschwert: Zur Ware wird das, dem er "aufgeladen" wird, ohne daß er zum Wesen gehörte. Waren sind "voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken" (Marx 1962).
[16] "Das Ähnliche, das lange Zeit eine fundamentale Kategorie des Wissens gewesen war - zugleich Form und Inhalt der Erkenntnis -, findet sich in einer in Termini der Identität und des Unterschiedes erstellten Analyse aufgelöst" - "Die abendländische Vernunft tritt in das Zeitalter des Urteils ein" (Foucault 1990).
[17] Auch Literatur ist eine an eine entwertete Welt gebundene Produktionsform: Produktion von Phantasien, von vorgestellten Welten.
[18] "Zur Ideologie (...) wird die Trennung, sobald sie ohne Vermittlung fixiert ist. Dann usurpiert der Geist den Ort des absolut Selbständigen, das er nicht ist: im Anspruch seiner Selbständigkeit meldet sich der herrschaftliche. Einmal radikal vom Objekt getrennt, reduziert Subjekt bereits das Objekt auf sich; Subjekt verschlingt Objekt, indem es vergißt, wie sehr es selber Objekt ist" (Adorno 1969).
[19] "Allegorien sind im Reiche der Gedanken was Ruinen im Reiche der Dinge" (Benjamin 1992).
[20] "Die trostlose Verworrenheit der Schädelstätte, wie sie als Schema allegorischer Figuren aus tausend Kupfern und Beschreibungen der Zeit herauszulesen ist, ist nicht allein das Sinnbild von der Öde aller Menschenexistenz. Vergänglichkeit ist in ihr nicht sowohl bedeutet, allegorisch dargestellt, denn, selbst bedeutend, dargeboten als Allegorie. Als die Allegorie der Auferstehung" (Benjamin 1992a).
[21] "Die Beziehung der Menschengestalt zur Sprache d.h. wie Gott sprachlich ihn gestaltend in ihm wirkt ist der Gegenstand der Psychologie. Hierher gehört auch das Leibliche, indem Gott unmittelbar - und vielleicht unverständlich - sprachlich in ihm wirkt" (Benjamin 1991). Das Leibliche gehört zu einer anderen Ordnung der Dinge als das Körperliche.
[22] "Der Leib (...) ist der Ort der Herkunft: am Leib findet man das Stigma der vergangenen Ereignisse, aus ihm erwachsen auch die Begierden, die Ohnmachten und Irrtümer, am Leib finden die Ereignisse ihre Einheit und ihren Ausdruck, in ihm entzweien sie sich aber auch und tragen ihre unaufhörlichen Konflikte aus. Dem Leib prägen sich Ereignisse ein (...). Am Leib löst sich das Ich auf (...) Er ist eine Masse, die ständig abbröckelt" (Foucault 1991).
[23] Schon der Protestantismus nimmt eine Welt an, in die Gott nicht mehr eingreift. Im festen Glauben an Gott wird sein Rückzug aus der Welt festgestellt. Der Glaube äußert sich nicht mehr in den magischen Riten des Katholizismus, sondern im Glauben an die produktive Kraft des Menschen. Arbeit adelt, demütiger Vollzug des Tagwerks wird zum Beweis des Glaubens.
[24] Es ist Vico, der dies als erster analysiert und nicht mehr Theologie, sondern Geschichtsphilosophie betreibt. Die"Vorsehung [ist] so natürlich, weltlich und geschichtlich geworden (...), als wenn sie überhaupt nicht existiere" (Löwith 1990).
[25] "Halt an, wo laufst du hin? Der Himmel ist in dir!/Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für" (Angelus Silesius).
[26] "Wir sehen bei ihm [dem Melancholiker], wie sich ein Teil des Ichs dem anderen gegenüberstellt, es kritisch wertet, es gleichsam zum Objekt nimmt" (Freud 1996).
[27] "Der Schatten des Objekts fiel so auf das Ich, welches nun von einer besonderen Instanz wie ein Objekt, wie das verlassene Objekt beurteilt werden konnte. Auf diese Weise hatte sich der Objektverlust in einen Ichverlust verwandelt" (Freud 1996).
[28] Es ist unmöglich zu übersehen, sagt Freud (1974), "in welchem Ausmaß die Kultur auf Triebverzicht aufgebaut ist, wie sehr sie gerade die Nichtbefriedigung (...) von mächtigen Trieben zur Voraussetzung hat".
[29] Bei Marx (1983): Regelt die Gesellschaft die Produktion, ist es möglich, "heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden".
[30] Leib sind wir, während wir Körper nur haben.
[31] Beispielhaft Plotin, den Goethe bewunderte (Schubert 1973): "Aus zwei Gründen wird die Gemeinschaft der Seele mit den Leibern als Ärgernis angesehen: sie sind ihr 'ein Hindernis' im reinen Denken, und sie 'erfüllen' sie mit Lüsten, 'Begierden' und Schmerzen. Keins von beiden aber kann einer Seele widerfahren, die nicht ins Innere des Leibes versinkt (...)" (zit. n. Irigaray 1980).
[32] "Den Stoff also gibt das Weibchen her, das Prinzip der Bewegung aber das Männchen" - "Die Weibchen haben nämlich eine schwächere und kältere Natur und man muß die Weiblichkeit wie eine natürliche Verkümmerung betrachten" (Aristoteles, zit. n. Sissa 1993).
[33] An der Spitze der Seinspyramide thront das Eine, das Unbe- und Unnennbare. Aus diesem emanieren diverse Geistwesen, Dämonen und Engel. Am unvollkommensten ist Materie als unterste Stufe. Im Aufstieg nach oben, unter Zurücklassung des Körpers, kann die Seele in vollkommenere Gefilde gelangen, bis hin zur Schau des Einen. Philo, dessen neuplatonisch-gnostische Spekulationen fürs frühe Christentum wegweisend waren (Green 1985), drückt aus, worum es geht: "Fortschritt ist tatsächlich nichts anderes als das Verlassen des Weiblichen durch Männlichwerden, da ja das Weibliche verbunden ist mit Materie, Passivität, Körperlichkeit, Sinnenhaftigkeit, während das Männliche das Aktive, Rationale, Unkörperliche darstellt und dem Geistigen näher ist" (zit. n. Felber 1994).
[34] Es ist nicht genuß-erotische Lust gemeint, sondern eine, die Liebe miteinschließt: Frauen "verdrehen Männern den Kopf". Solange der Mann gefühlsmäßig unbeteiligt Lust genießt, ist alles in Ordnung. Aber sobald er liebt und in Abhängigkeit von der Lust gerät, die jemand anderes spendet, ist er verloren. Erotische Lust und Liebe sind gehören unterschiedlichen Seinszuständen an.
[35] Dem liegt eine sich bis heute durchziehende Denkstruktur der Alten zugrunde: Das unveränderliche Sein ist realer als das Werden und Vergehen der Materie: "Das Werden gibt es, aber nur in der Sinnenwelt, die eben ständig wird und nie ist, in dieser Welt der flüchtigen Erscheinungen; das wahre Sein ist wandellos beharrend" (Heimsoeth 1981). Die Frau, als Mutter und Blutende, ist Zeichen fürs Werden; der asketische Weise, der nur vögelt, weil Vernunft ohne gesunden Körper chancenlos ist, das Ideal des Mannes.
[36] Insbesondere wenn sie im Geschlechtsakt mit einem anderen Mann die passive Rolle genießen: "Aktiv sein heißt Mann sein, gleichgültig, welches Geschlecht der als passiv angesehene Partner besaß. Sich das Vergnügen auf männliche Weise zu nehmen oder es sklavisch zu geben, das war alles" (Veyne 1992). Am Unmoralischsten ist es, wenn ein Mann gegenüber einer aktiven Frau die passive Rolle einnimmt.
[37] Weder für die Eierstöcke für die Vagina gibt es lange Zeit einen Fachbegriff.
[38] Das Christentum öffnet den Frauen das Kontinuum des einen Geschlechts, daß die Alten ihnen versperrten. Anfänglich hat es einen für Frauen emanzipativen Charakter, so daß viele Frauen sich von ihm angezogen fühlen (Felber 1994). Aber das hält nicht lange vor.
[39] Die leibliche Auferstehung und die leibfeindliche Philosophie der Heiden müssen in ein System integriert werden (Walker Bynum 1995).
[40] Thomas von Aquin (1977): "Auf das Dritte ist zu sagen, daß der Leib für die Verstandestätigkeit erfordert wird, nicht als Organ, durch das solche Tätigkeit ausgeübt würde, sondern mit Rücksicht auf das Objekt (...)" - was schon ganz anders klingt als Plotins Hasstiraden auf den Leib.
[41] 1277 werden 219 (philosophische) Aussagen als häretisch verurteilt (Flasch 1989).
[42] Bei Ockham sind "Wissen und Glauben (...) prinzipiell voneinander zu unterscheiden", "weil nichts davon, was sich real in der Kreatur findet (...) Gott zugesprochen werden kann" (Beckmann 1995). Man erzählt sich sogar folgendes: Der König eines Reiches, in dem alles drunter und drüber geht, bittet vier Philosophen um Erläuterung und Ratschlag. Einer von ihnen antwortet darauf: "Gott ist tot". Deshalb geht die Moral den Bach runter weil: "heute betrachten wir ihn als tot und denken nicht an das Letzte Gericht, die Ewige Verdammnis oder das Reich Gottes" (Gesta Romanorum, zit. n. Pluta 1997).
[43] Man stößt "auf die Vergeistigung der christlichen Frömmigkeit hin zu einer Geist-Seele, zu einer Nicht-Körper-Seele" (Sprendel 1993).
[44] Verstärkt wird die Bewegung durch die Renaissance, den Humanismus und den Protestantismus, die durch Individualisierung der Menschen eine bisher unbekannte Freiheit ahnen lassen. Gott habe den Menschen geschaffen, damit du "als dein eigener, vollkommen frei und ehrenhalber schaltender Bildhauer und Dichter dir selbst die Form bestimmst, in der du zu leben wünschst" (Pico della Mirandola, zit. n. Dinzelbacher 1993).
[45] "Die Definition des Begriffs Hexe war durchaus auch auf Männer anwendbar" (Levack 1995). In der Definition des Begriffs "Hexe" ist von "Lust" die Rede, nicht von Geschlecht.
[46] Die meisten Opfer fordert die Inquisition nicht in katholischen Ländern, sondern dort, wo die Glaubenskriege toben und die Welt am fremdesten ist.
[47] Nikolaus von Kues geht noch Mitte des 15. Jhs. davon aus, daß die menschliche Vernunft ohne göttliche Einwirkung nichts wäre: "Auf Weise des Verstandes am Licht der göttlichen Natur teilzuhaben heißt, an der Einheit teilzuhaben, in der Gleichheit und Verknüpfung sind, also am Sein des Verstandes, am geistigen Erkennen. Daher hast du an der göttlichen Natur im Licht der Intelligenz teil, um zu wissen, daß du durch ein Geschenk von oben Intelligenz besitzt" (Nikolaus von Kues 1988).
[48] "Wenige Philosophien haben sich als so außerordentlich auf ein Rendez-vous mit der politischen Geschichte zugeschnitten erwiesen wie die Philosophie Descartes'. Sie sonderte genau jenes corpus von Ideen ab, dessen Richelieu bedurfte", um die theokratische "Verfaßtheit der Welt zurückweisen zu können und an ihre Stelle die durchschlagende Kraft einer Vernunft zu setzen" (zit. n. Clévenot 1997). Obwohl Kaplan, verfolgt Richelieu als einer der ersten eine rationale Politik, aus der jede Religion verschwunden ist: protokapitalistische Politik.
[49] "Sodann untersuchte ich aufmerksam, was ich denn bin, und beobachtete, daß ich mir einbilden könnte, ich hätte keinen Körper und es gäbe keine Welt noch einen Ort, an dem ich mich befinde, daß ich mir aber darum nicht einbilden könnte, daß ich selbst nicht wäre (...)" (Descartes 1960).
[50] Auch Spinoza verwirft Gott nicht: für ihn ist er das oberste allseiende Prinzip, aus und in dem alles überhaupt erst Sinn macht.
[51] "Locke meinte, der denkende Mensch müsse gläubig sein, weil die zentralen Lehren des Christentums (...) alle mit Vernunft und Erfahrung völlig vereinbar seien. Christ sein war eine rationale Verpflichtung; doch der vernünftige Christ war nicht gezwungen, auch nur einen Aspekt des überlieferten Glaubens hinzunehmen, gegen den seine Vernunft aufbegehrte" (Porter 1991).
[52] "Riechen wir noch Nichts von der göttlichen Verwesung? - auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet!" (Nietzsche 1988b).
[53] Der vorkapitalistischen Ökonomie entspricht eine Mentalität, die Arbeit als etwas Minderwertiges betrachtet: Sie versklavt die Arbeitenden und bindet sie an Materie. "Eines Freien nicht würdig und niedrig sind aber auch die Tätigkeiten aller, die für Lohn arbeiten, deren Arbeitsleistung gekauft wird und nicht deren Begabungen; denn bei ihnen besiegelt der Lohn selbst ihre Versklavung" (Finley 1993).
[54] "Mit der Ausbreitung der bürgerlichen Warenwirtschaft wird der dunkle Horizont des Mythos von der Sonne der kalkulierenden Vernunft aufgehellt, unter deren eisigen Strahlen die Saat der neuen Barbarei heranreift"."Denken verdinglicht sich zu einem selbsttätig ablaufenden automatischen Prozeß, der Maschine nacheifernd, die er selber hervorbringt, damit sie ihn schließlich ersetzen kann" (Horkheimer/Adorno 1989).
[55] Die Disziplin "richtet die unsteten, verworrenen, unnützen Mengen von Körpern zu einer Vielfalt von individuellen Körpern, Elementen, kleinen abgesonderten Zellen, organischen Autonomien, evolutiven Identitäten und Kontinuitäten, kombinatorischen Segmenten ab" (Foucault 1989c).
[56] "Die Herrschenden führen den Genuß als rationalen ein, als Zoll an die nicht ganz gebändigte Natur, sie suchen ihn für sich selbst zu entgiften und zugleich zu erhalten in der höheren Kultur; den Beherrschten gegenüber zu dosieren, wo er nicht ganz entzogen werden kann. Der Genuß wird zum Gegenstand der Manipulation, solange bis er endlich ganz in den Veranstaltungen untergeht" (Horkheimer/Adorno 1989).
[57] "Sie [die Leibesübung] ist eine auf naturgesetzlichem Wissen beruhende, zielgerichtet-planmäßige, systematisch-methodische, regelmäßig-wiederholbare, individuelle, isolierte, organisierte und normierte Tätigkeit am eigenen Körper; kurz: philanthropische Leibeserziehung ist wissenschaftlich-produktive Arbeit am Körper des Menschen" (König 1989).
[58] Kehrseite der Disziplinierung zur Arbeit ist die große Internierung. "Man muß der Periode der Internierung, die sich ungefähr von 1680 bis 1720 ausdehnt und während derer ein schnelles Anwachsen zu verzeichnen ist (...), Rechnung tragen" (Foucault 1992). Kurz: wer nicht arbeiten will, wird eingesperrt.
[59] "Die Fortpflanzung, die Geburten- und Sterblichkeitsrate, das Gesundheitsniveau, die Lebensdauer, die Langlebigkeit mit allen ihren Variationsbedingungen wurden zum Gegenstand eingreifender Maßnahmen und regulierender Kontrollen: Bio-Politik der Bevölkerung" (Foucault 1989a).
[60] Theorie und Praxis der Bevölkerungsregulierung entwickeln sich, und Frauen werden auf Gebärmaschinen reduziert: "Da die Kindererzeugung die erste Absicht der Ehe ist; so müssen die Geburtstheile, als die hiezu nöthigen Werkzeuge, darnach beschaffen seyn; und jeder wichtige Fehler, dem solche unterworfen sind, ist eine Ursache, warum das Heurathen muß, und pflegt abgeschlagen zu werden" (zit. n. Trallori 1990).
[61] Wo die hl. Schrift und der oberste Vertreter Gottes das Sagen haben, kann keine autonome Vernunft sich bilden. Wo Gebet und Askese das hl. Ziel sind, gibt es keine Lohnarbeit.
[62] Mit der Renaissance beginnt auch eine weltliche des Körpers, die in barocker Not bei manchen, die es sich leisten können, zur Devise "jetzt erst recht genießen" führt: "Drum kehren wir, der Schwachheit kund,/zum Leib uns, wo uns Liebe grüßt" (Donne, zit. n. Bentin 1993). Insofern verfolgt Descartes ein ähnliches Projekt wie die Inquisition. Wie sie zielt er die Restitution des Primats des Geistes über die Materie an und tritt in die Fußstapfen des spätantiken Dualismus.
[63] Spinoza behauptet, alles Sein bestünde aus einer einzigen Substanz - "In der Natur der Dinge kann es nicht zwei oder mehrere Substanzen von der selben Natur oder von dem selben Attribut geben". Körper und Geist sind also wesenhaft eins. Nichtsdestotrotz beharrt Spinoza darauf, daß Vernunft den Weg zur Glückseligkeit garantiert, denn: "Die Seele ist den Affekten, die zu den Leidenschaften gehören, nur unterworfen, solange der Körper dauert" (Spinoza 1994).
[64] "Materialistische Denker wie La Mettrie schienen unerbittlich aufgrund ihrer eigenen Beschäftigung mit der Unterordnung der geistigen Seele unter die physischen Einflüsse dazu verleitet, Lust zu theoretisieren (...)" (Hunt 1994).
[65] "Die begriffliche Fähigkeit, die physikalische Natur zu mechanisieren und zu atomisieren, bildete sich, grob gesprochen zwischen 1650 und 1690 heraus, in einer einzigen nord- und westeuropäischen Generation, derselben Generation, die auch einen neuen materialistischen und pornographischen Diskurs erfand" (Jacob 1994).
[66] "Eine der auffälligsten Erscheinungen der frühen modernen Pornographie ist die Dominanz der weiblichen Erzählerin" (Hunt 1994) - nicht wirklich Frauen erzählen, sondern Männer leihen literarischen Frauen ihre Stimme. Schockierend genug.
[67] "Der Libertinismus wertet die Sinnlichkeit als indifferent und proklamiert die prinzipielle Freiheit gegenüber aller Materie. Zuweilen verherrlichte er direkt die überschäumende Lust als eine Erscheinung des Göttlichen und sah in der Begierde das zusammenhaltende Band aller geschaffenen Dinge. Er gab die Losung aus, den Sündenstoff in der Welt durch Verbrauch aufzuzehren" (Nigg 1986).
[68] Ein Beispiel aus dem 1. Jh.: "In einem Phalasterium eigener Art hatte er [Simon Magus] etwa dreißig Paare versammelt, die Barmherzigkeit und Nächstenliebe auf ihre Weise praktizierten. Gemäß dem Prinzip, daß die Ausschweifung befreiender ist als die Askese, wurde bei Simon und seinen Komparsen, die in wilder Ehe lebten und eifrig dem Partnertausch frönten, die unentwegte Orgie veranstaltet" (Onfray 1993).
[69] "Wie einen Gott sich denken, der, die Güte selbst,/Den Kindern, die er liebt, die Gaben spendet,/Und doch mit vollen Händen Übel auf sie gießt" (Voltaire, zit. n. Günther 1994).
[70] Sie wissen, daß die Moral zusammenbricht, wenn es keine sie sichernde Instanz gibt, und suchen deshalb nach einer rationalen Religion.
[71] Fast archetypisch verkörpert sind die beiden Strömungen im Libertin Danton und im rational-religiösen Asketen Robespierre.
[72] "Mit dem nützlichen Charakter der Arbeitsprodukte verschwindet der nützliche Charakter der in ihnen dargestellten Arbeiten, es verschwinden also auch die verschiedenen konkreten Formen dieser Arbeiten, sie unterscheiden sich nicht länger, sondern sind allzusamt reduziert auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit" (Marx 1979). Diese Reduzierung aufs Abstrakte macht alle gleich.
[73] "Gegen das naturrechtliche Gleichheitspostulat wurde eine anatomische Unvergleichbarkeit der Geschlechter herausgearbeitet und an den Körpern von Männern und Frauen diese politische These bewiesen" (Hirschauer 1996).
[74] Man sieht, "daß das System der Positivitäten sich an der Wende vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert auf massive Weise gewandelt hat. Das heißt (...) daß die Seinsweise der Dinge und der Ordnung grundlegend verändert worden ist (Foucault 1990).
[75] Tissot (Von der Onanie, zit. n. Braun 1995) meint, "daß die Selbstbefleckung insonderheit für Kinder, die die Jahre der Mannbarkeit noch nicht erreicht haben, höchstgefährlich ist". Er setzt metaphorisch Sperma mit Geld gleich, beides darf nicht verschwendet werden. Es geht um die "Pädagogisierung des kindlichen Sexes" (Foucault 1989a), um die Produktion von unschuldigen Jungen, die darstellen, wie der Mann sich im "Naturzustand" sieht.
[76] "Die Impotenz ist die Grundlage des Passionsweges der männlichen Sexualität. (...) Aus dieser Impotenz geht ebensowohl seine Bindung an das seraphische Frauenbild wie sein Fetischismus hervor. (...) Gesellschaftliche Gründe für die Impotenz: die Phantasie der Bürgerklasse hörte auf, sich mit der Zukunft der von ihr entbundenen Produktivkräfte zu beschäftigen" (Benjamin 1992).
[77] "[D]er Körper der Frau wurde als ein gänzlich von Sexualität durchdrungener Körper analysiert - qualifiziert und disqualifiziert" (Foucault 1989a).
[78] Das ist die Geburtsstunde der Gynäkologie, der Frauenkunde. 1839 gibt es ein "Geschlechtsleben des Weibes" (Honegger 1991). Eine "Männerkunde" gibt es bis heute nicht.
[79] "Ein Teil der Gesellschaft wird von den anderen selbst als bloß unorganische und natürliche Bedingung seiner eigenen Produktion behandelt" (Marx 1983).
[80] Der männliche Arbeiter, abstrakt frei, hat als organischer Teil der Gesellschaft an der kostenlosen Ausbeutung der Frau Anteil. Es ist kein Zufall, daß im 19. Jahrhundert Heiratsbeschränkungen aufgehoben werden (Trallori 1991), damit die Ressource Frau frei zirkulieren kann.
[81] Daß viele Frauen im Frühkapitalismus unterbezahlte Lohnarbeit verrichten, widerspricht dem nicht. Familie und Sexualität sind bürgerliche Konzepte - Foucault (1989a) spricht von "Klassensexualitäten" -, die erst ins Proletariat diffundieren, nachdem sie sich im Bürgertum durchgesetzt haben. "Der bürgerliche Kult der weiblichen 'Unschuld' und des weiblichen Nicht-Wissens, was sexuelle Vorgänge betraf, konnte sich in den Slums nicht entwickeln" (Bredow/Noetzel 1990).
[82] "Was wir heute Sexualität nennen mit allen ihr anhängenden Konnotationen, war bei Sade fickende Materie auf der Suche nach ihrem souveränen Überleben in Kommunikation" (Heitmüller 1994).
[83] "[D]ie Geschlechtsidentität [ist] die wiederholte Stilisierung des Körpers, ein Ensemble von Akten, die innerhalb eines äußerst rigiden regulierenden Rahmens wiederholt werden, dann mit der Zeit erstarren und so den Schein der Substanz bzw. eines natürlichen Schicksals des Seienden hervorbringen" (Butler 1991). Was als Pseudo-Ewigkeit erscheint, innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses als gesetztes begriffen wird, ist nicht objektive Materialität.
[84] "Was in der Zivilisation für Natur einsteht, ist seiner Substanz nach aller Natur am fernsten, das reine sich selber zum Objekt Werden. Jene Art Weiblichkeit, die auf den Instinkt sich beruft, ist stets genau das, wozu eine jegliche Frau mit aller Gewalt - mit männlicher Gewalt - sich zwingen muß" (Adorno 1991).
[85] Noch in der Mitte des 17. Jahrhunderts war der Orgasmus der Frau hilfreich bei bis notwendig zur Empfängis; hundert Jahre später war jedes Wissen darüber verloren (Laqueur 1992). Für Gott und Vaterland läßt die viktorianische Bürgersfrau "es" über sich ergehen. Die Frauenmode schränkt in der Tat in dieser Zeit jede Bewegung ein.
[86] "Hier hat die Mode den dialektischen Umschlagplatz zwischen Weib und Ware - zwischen Lust und Leiche - eröffnet. (...) Denn nie war die Mode anderes als die Parodie der bunten Leiche, Provokation des Todes durch das Weib und zwischen geller memorierter Lache bitter geflüstertes Zwiegesprach mit der Verwesung." (Benjamin 1983).
[87] Nicht zufällig sinkt das Ansehen der Huren im Kapitalismus rapide. Sie verkörpern das Wesen der Frau als Ware und sind die größte Bedrohung für die bürgerliche Familie, die zur Reproduktion des Kapitals und des Wesens der Frau notwendig ist. "Die Liebe zur Prostituierten ist die Apotheose der Einfühlung in die Ware" (Benjamin 1983). Hier entspringt der Schein des Privaten. Die behütete Ehefrau wird in der Ehe vor ihrem Wesen beschützt, da ihre Bezahlung unter einem Schleier von Liebe verhüllt wird (Bock/Duden 1977). "Die Ware sucht sich selbst ins Gesicht zu sehen. Ihre Menschwerdung feiert sie in der Hure" (Benjamin 1992).
[88] "(...) fast immer fühlt sich der Mann in seiner sexuellen Betätigung durch den Respekt vor dem Weibe beengt und entwickelt seine volle Potenz erst, wenn er ein erniedrigtes Sexualobjekt vor sich hat" (Freud 1994).
[89] "Die Konvulsion des Fleisches fordert, über die Zustimmung hinaus, das Schweigen, sie fordert die Abwesenheit des Geistes" (Bataille, 1994) - die Sehnsucht des Subjekts nach orgiastischer Auflösung irgendwo rührt aus diesem Wissen, das kein Subjekt sich bewußt machen darf, da es sonst keines wäre.
[90] Lust ist etwas Leibliches, Sexualität von Männersubjekten eine Entladung zur Spannungsabfuhr, die sich auf das entsprechende Organ konzentriert. "Die Tatsache, daß die genitale Sexualität stets und sogar im günstigsten Fall einen Rückstand von Unbefriedigung übrigläßt, geht auf drei Tatsachen zurück: nicht alle prägenitalen Wünsche, die später der Genitalität tributär werden, sind im Koitus unterbringbar, das Objekt ist (...) stets ein Surrogat. (...) Die im Koitus abreagierbare Aggression ist sehr domestiziert" (Bergler, zit. n. Benjamin 1983), was nichts anderes heißt, als daß der Allmachtswunsch des Subjekts, der seinen Kern ausmacht, der Altar ist, auf dem Lust, Erotik und selbst Sexualität geopfert werden.
[91] "Der protestantische Mensch verhält sich zu 'Gott', wie das moderne Subjekt schlechthin zur 'imaginären Instanz' Sex. Der Sex repräsentiert gewissermaßen den fehlenden und verlorenen Gott. Die Transzendenz wird in die Immanenz hineingezogen, der Sex gibt nun den gleichsam eschatologischen Horizont der Existenz ab" (Hegener 1992).
[92] Konsum erzeugt Leere, die schmerzvoll verspürt wird. "Die Menschen 'spielen' die Reproduktion des Kapitals auf erweiterter Stufenleiter im Konsum nach, indem sie das schwarze Loch in ihnen mehr & mehr Waren verschlingen lassen (...)[Es] ist es der abstrakte Charakter der konsumierten Waren, der ihren Genuß unmöglich macht. (...) So bleibt nur, in der Zerstörung der Ware nicht die Ware, sondern die Zerstörung zu 'genießen': Konsum halt. In die erotische Askese, die als (unreflektierte) normgerechte Erfüllung des hetero- und inzwischen auch homo-sexuellen Aktes zwischen menschlichen Subjekten täglich neu geformt wird, hält die konsumierende Zerstörung als zwischenmenschliche Gewalt Einzug, die untrennbar an die Warenproduktion gekoppelt ist" (NESTBESCHMUTZ 1995).
[93] Am Fetischismus wäre der Objektcharakter der Sexualität zu studieren. Ein aufgeladenes Objekt - ein Schuh, ein Korsett, eine Lederjacke -, reine Allegorie des Begehrens, in die Dingwelt eingewanderte Subjektgeschichte, symbolisiert eine Erfahrung, die nicht erinnert, sondern ausagiert wird. Ein Fetisch ist das reinste Liebesobjekt, strahlt nur aus, was in ihn gelegt wird, vollständig verstummt singt er das Lied des Fetischisten. Er ist das optimale Liebesobjekt, keine Natur spricht aus ihm, selbst wenn er der Ordnung des Natürlichen angehört, ist immer da, nicht wie ein Mensch. Der Fetischist, der ohne Fetisch nicht sein kann, ist dessen Objekt, er verkörpert, wie in der Warenwelt das Subjekt zu dem mutiert, wovon es sich abgrenzt: zum Objekt.
[94] Daher wohl die Faszination moderner Männersubjekte für die lesbische Frau, die, als Gegenbild zur frigiden (Ehe-)Frau und zum impotenten Mann, in sich Projektion und Eigenes, d.h. Männerfremdes, unentwirrbar verknotet hält: "Die lesbische Liebe trägt die Vergeistigung bis in den weiblichen Schoß vor. Dort pflanzt sie das Lilienbanner der 'reinen' Liebe auf, die keine Schwangerschaft und keine Familie kennt" (Benjamin 1992). Bis heute nutzt Pornographie diese Faszination für lesbische Sexualität aus, die sie für den männlichen Blick umschreibt. Ist das Aufkommen des Softies, des Kuschelsex nicht auch als Hommage verunsicherter Männer an ihr Bild lesbischer Lust geknüpft?
[95] Begleitet wird die Gewissenserforschung, die ständig Überschreitungen produziert, von einer massiven Drohung im Falle des Sich-Gehen-Lassens: "Die Allgegenwart der Infizierung" (Brendow/Noetzel 1990) sorgt für (Geschlechts-)Krankheiten und Tod.
[96] "Da sexueller verkehr prinzipiell mit jedem zu jeder zeit und überall möglich ist, könnte jedes zeichen der sympathie als angebot oder aufforderung zum sex miszverstanden werden. Also kontrollieren wir ständig gesten und worte, ja, selbst unsere geheimen wünsche und gedanken, da bereits die sexuelle absicht vielfach als unkorrekt gilt. - Wir sind eine gesellschaft ständiger introspektion" (Roes 1996).
[97] Freud kannte den Preis dafür: das "Unbehagen an der Kultur" (Freud 1974).
[98] Schwule werden zu einer ebensolchen Bedrohung wie Frauen, und logischerweise werden sie als 'weibisch' bezeichnet: "The terms emerging at this period to describe homosexuals - Molly, Nancy-boy, Madge-cull - emphasize effeminacy" (McIntosh 1992). Andererseits entgehen Schwule der Sexualität auch nicht: sie lieben halt nur Männer.
[99] "Die Herrschaft des Menschen über sich selbst, die sein Selbst begründet, ist virtuell allemal die Vernichtung des Subjekts, in dessen Dienst sie geschieht, denn die beherrschte, unterdrückte und durch Selbsterhaltung aufgelöste Substanz ist gar nichts anderes als das Lebendige, als dessen Funktion die Leistungen der Selbsterhaltung einzig sich bestimmen, eigentlich gerade das, was erhalten werden soll" (Horkheimer/Adorno 1989).
[100] Die Metapher verweist auf ihren Ursprung im Warentausch, da in sie Vorstellungen von Sexualität als Energieverschwendung einfließen: Lust gegen Lebensenergie.
[101] "Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war" (Horkheimer/Adorno 1989).
[102] Freud selbst war viel intelligenter und kritischer als fast alle, die heute über ihn oder die Psychoanalyse herziehen. Die Woody-Allan-Pseudopsychoanalyse, die noch immer en vogue ist, insbesondere in Beziehungsgesprächen und Selbsterfahrungsseminaren, hat mit psychoanalytischer Theorie wenig gemein.
[103] Ein Markierungspunkt ist die Quantenmechanik der 20er Jahre. Der Beobachter eines Experimentes auf atomarer Ebene erzeugt das Beobachtete durch seine Beobachtung: "Es gibt keinen Grund dafür, den Glauben an eine zugrundeliegende Wirklichkeit aufzugeben. Es ist nur so, daß die Schritte, die wir machen, um sie zu bestimmen, die Wirklichkeit erst erschaffen" (Barrow 1993).
[104] Das 19. Jahrhundert war das arbeitsintensivste der Geschichte. "Rechnet man zur Anwesenheit in der Fabrik noch die nicht selten mehrstündigen Wege hinzu, dann konnte von Freizeit keine Rede sein" (Maase 1997). Freizeit im modernen Sinn gibt es erst seit den 20ern dieses Jahrhunderts.
[105] Henry Fords Volksauto ist die Ware, die dieser Phase des Kapitalismus den Namen gibt. "Die Einheit der Person tritt dem reflexiv sich seiner selbst vergewissernden fordisierten Akteur nicht als höchstes Glück der Erdenkinder gegenüber, sondern als Zumutung des bürokratischen Zurechnungs- und Sanktionszusammenhanges, in den er sich gestellt sieht" (Lüscher 1985). Den fordistischen Sozialcharakter nennt Lüscher treffend "Krümelmonster".
[106] Nicht mehr zu viel Sexualität wird wie im 19. Jh. als Krankheit angesehen, sondern zu wenig. Vehementester Vertreter dieser Ansicht ist Wilhelm Reich.
[107] Insbesondere das Kino bringt geschlechtsspezifische Träume werden ans Publikum. "Es mag in Wirklichkeit nicht leicht geschehen, daß ein Scheuermädchen einen Rolls-Royce-Besitzer heiratet; indessen, ist es nicht der Traum der Rolls-Royce-Besitzer, daß die Scheuermädchen davon träumen, zu ihnen emporzusteigen? Die blödsinnigen und irrealen Filmphantasien sind die Tagträume der Gesellschaft, in denen ihre eigentliche Realität zum Vorschein kommt, ihre sonst unterdrückten Wünsche sich gestalten" (Kracauer 1977).
[108] Legion sind Erzählungen und Bemerkungen über die erotische Ausstrahlung von Frauenfüßen, -fesseln und -schultern im 19. Jh. Diese Ausstrahlung bedeutet ineins Angst vor Frauenkörpern und Fetischisierung und erotische Besetzung seiner Teile, damit der neu prodzierte Körper ganz besetzt werden kann.
[109] Die Frisurenmode in der Weimarer Republik zeigt das aufs Deutlichste (Meyer-Büser 1995).
[110] "Psychoanalytiker hätten es nicht schwer nachzuweisen, daß in dem gesamten monopolistisch kontrollierten und standardisierten Sexualbetrieb, mit den Schnittmustern der Filmstars, Vor- und Ersatzlust die Lust überflügelt haben" (Adorno 1963).
[111] Die anti-sexuelle Stimmung, die Frauen lieber als ganz tote denn als lebende bzw. wiederbelebte Leichen will, hat wohl zum Erfolg der Nazis beigetragen. Aber auch die Nazis konnten sich nicht dem Zeitgeist entgegenstellen, Traumbilder aus Nazifilmen waren bald nicht mehr von denen aus Hollywood zu unterscheiden (Maase 1997, Pini 1992).
[112] Mann lernt, an welcher Stelle frau zu stimulieren ist, der neue Warenkörper muß erst erkannt und kennengelernt werden, bevor er reagiert, wie mann es haben will. "Unglücklicherweise kommt mit der sexuellen Freiheit als sofortige logische Folge eine weitere sexuell ausgerichtete Gefahr, in diesem Fall die verheerendste aller sexuellen Ängste, nämlich die Angst um die eigene physiologische Fähigkeit, effektiv zu reagieren" (Masters/Johnson, zit. n. Béjin 1992).
[113] Diese Veränderung in der Produktion weiblicher Warenkörper macht Anorexie (und Bulimie) zur grassierenden Krankheit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Anorexie als Überaffirmation im Produktionsprozess des Weiblichen, mit der diesem gleichzeitig sich entwunden wird (Bordo 1993).
[114] "Wahres erotisches Triebleben, die Beziehungen in denen Lust sich realisiert, ist keineswegs jenes healthy sex life, das in den fortgeschrittensten industriellen Ländern heute alle Branchen der Wirtschaft, von der kosmetischen Industrie bis zur Psychotherapie, ermuntern. Vielmehr überlebt in der Genitalität die partiale Libido, die in jener sich zusammenfaßt. Jedes Glück entflammt an der Spannung beider" (Adorno 1963).
[115] Bis heute erzeugt dieser Doppelstatus - sexualisiertes Subjekt - Debatten über die richtige Strategie innerhalb der Frauenbewegung: Gleichstellungspolitik vs. Beharren auf weiblichen Werten, Karriere vs. Mondspiritualität, immanente Kritik vs. Frauengruppen usw. usf.
[116] Bordo (1993) zitiert Umfragen in den USA, in denen festgestellt wird, daß Frauen sich in der Regel für zu dick halten, was ihnen von Männern bestätigt wird. Am erschreckendsten ist, daß schon elfjährige Jungs die Mädchen ihrer Altersgruppe für zu fett halten, obwohl diese zum Großteil Diät halten.
[117] Marcuse (1978) hoffte noch darauf: "Ich bin immer noch auf der Suche nach den Gründen, warum Sie so heftig gegen die Annahme spezifisch weiblicher Qualitäten zu Felde ziehen. Entscheidend ist nicht, wer diese Qualitäten projiziert und definiert hat, entscheidend ist vielmehr ihre geschichtlich-gesellschaftliche Funktion. Und da meine ich allerdings, daß diese Bilder genügend mit Realität gesättigt waren, um in der patriarchalischen Gesellschaft zum Kristallisationspunkt eines befreienden Gegenpotentials, eines Freiheitsentwurfs zu werden. Das von den Männern projizierte Bild kehrt sich gegen die Bildner". Das "Gegenpotential" scheint verschwunden zu sein.
[118] Was nicht ohne Widerstände bleibt: die Entwicklung ist ungleichzeitig. Reaktionäre Ideologien treten auf, können den geschilderten Prozess aber nur terroristisch oder gewalttätig aufhalten - was immer möglich ist, auch wenn es der Logik des Kapitals zu widersprechen scheint. Daß Abtreibung noch nicht alleinige Sache der Frau ist, ist ein Relikt seitens der Männer, die ihr Verfügungsrecht über produzierte Frauenkörper nicht aufgeben wollen.
[119] Was bei jedem Kinobesuch beobachtet werden kann, wo es in der Werbung neben nackten Frauenkörpern vor halbnackten und einigen nackten Männerkörpern nur so wimmelt.
[120] "Jungen und Mädchen, Frauen und Männer verhalten sich heute weitaus ähnlicher als früher, und zwar bezogen auf alle untersuchten Parameter: Masturbationsvorkommen, erste Koituserfahrungen, homosexuelle Kontakte, außereheliche Beziehungen, Masturbations-Phantasien" (Hegener 1992). Weniger die Männer verändern sich, sondern die Frauen gleichen sich an: "Die Konvergenz zwischen Männern und Frauen im Sexualverhalten ist vor allem durch die Veränderungen der Frauen bedingt", wie Hegener aus einer empirischen Studie zitiert.
[121] Das verweist auf poststrukturalistische Diskussionen über Geschlechtertravestie und -parodie (Butler 1991) und darauf, daß gleichgeschlechtliche Sexualität an Anerkennung gewinnt.
[122] Männergewalt verschwindet nicht. Sie wird virulenter, wo nicht gelernt wird, sich gegenseitig zu konsumieren.
[123] In jedem Roman, in jedem Film gibt es explizite Sexszenen - z.B. in Peter Høegs Bestseller "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" (1994): "Wir stehen im Schlafzimmer und ziehen uns gegenseitig aus. Er hat eine leichte, tastende Brutalität, die mich mehrmals denken läßt, daß es mich diesmal den Verstand kosten wird. In unserem heraufdämmernden gegenseitigen Verständnis bringe ich ihn dazu, den kleinen Spalt der Eichel zu öffnen, so daß ich die Klitoris einführen und ihn vögeln kann" - Høeg hält sich noch zurück mit Sexszenen und ist insofern ein schlechtes Beispiel, außerdem leiht er seine Stimme einer Frau, die den melancholischen Status eines Subjekts lebt.
[124] Was auch Freud wußte: "Die moderne Kulturerziehung bedient sich bekanntlich des Sports im großen Umfang, um die Jugend von der Sexualbetätigung abzulenken; richtiger wäre es zu sagen, sie ersetzt ihr den Sexualgenuß durch die Bewegungslust und drängt die Sexualbetätigung auf eine ihrer autoerotischen Komponenten zurück" (Freud 1991).
[125] "Der Liebespartner erscheint als der Katalysator einer bestimmten Variante der Selbstbefriedigung, d.h. er fördert (beschleunigt) eine sexuelle Reaktion, an deren Ende er sich (nahezu) unverändert wiederfindet. (...) Darin gipfeln also die Ideale der 'Demokraten' der Sexualität: in diesem libidinösen Quasi-Solipsismus von Buchhaltern der Onanie" (Béjin 1992).
[126] "Im vollkommenen Verfall der Körperlichkeit (...) bleibt als letztes Werkzeug ihrer Erneuerung die Pein der Natur, die im Leben sich nicht mehr fassen läßt und in wilden Strömen über den Körper dahinbraust" (Benjamin 1991).
[127] "Der postmoderne Körper soll und darf wieder Lust empfinden - auch der Onanie werden mittlerweile wieder heilende Kräfte zugeschrieben - weil er im modernen System nur noch Prothese des Geistes ist" (Heitmüller 1994).
[128] "Wenig fehlt, und man könnte die, welche im Beweis ihrer quicken Lebendigkeit und strotzenden Kraft aufgehen, für präparierte Leichen halten, denen man die Nachricht von ihrem nicht ganz gelungenen Ableben aus bevölkerungspolitischen Rücksichten vorenthielt" (Adorno 1991).
[129] Am Körper der Models, den Stars der 90er, ist das sichtbar: "Die magere Model-Generation von heute strahlt eine Aura des Unberührbaren aus. Es ist die einer sich bewahrenden Unschuld" (Schmidt 1996).
[130] "Das Leben des Eros entzündet sich an der Ferne. Andererseits findet eine Verwandtschaft zwischen Nähe und Sexualität statt (...) Dummheit rührt letzten Endes von zu naher Betrachtung der Ideen her. Aber eben diese allzu nahe (geistlose) Betrachtung der Ideen ist ein Ursprung der dauernden (nicht intermittierenden) Schönheit. So verläuft die Beziehung zwischen Dummheit und Schönheit" (Benjamin 1991).
[131] "Sprache : Geist = Eros : Sexus. Erotik: das Prisma der Lust, ihre Entfaltung/Sprache: die Sprengung des Geistes, seine Zerstörung/Dialektik ist das Verhältnis der Sprache zum Eros, zweideutig das des Geistes zur Sexualität" (Benjamin, zit. n. Weigel 1997).
[132] "Die Liebesmaschine [erscheint] als eine natürliche Entwicklung der näheren Zukunft (...) eine Maschine, mit der der vollkommene Orgasmus über die unmittelbare mechanische Stimulation der Lustzentren des Gehirns erreicht wird" (McLuhan, zit. n. Dery 1997). Was ist daraus geworden? "Wenn man in den Datenanzug stieg, um mit dem weit entfernten Partner in Kontakt zu treten, spürte man nicht mehr eine virtuelle Person (...) sondern den eigenen Körper. Ein überwältigendes Gefühl! Schliesslich kennt jeder seinen eigenen Körper am besten. Das europäische Cybersexexperiment hatte sich in ein höchst autistisches Fest der Cybermasturbation verwandelt" (Kroker 1996) - die perfekte Onanie als Erlösungsphantasie.
[133] Die letzte Überschreitung, die bleibt, wenn die Peitsche schon ins Fernsehprogramm vorgedrungen ist, ist Sexualität mit Kindern. Es wird am letzten aller Tabus gerüttelt, der Überschreitung als solcher: dem Inzest, dessen Verbot kulturstiftend ist. Kinder sind Noch-nicht-Subjekte, unschuldige Körper, die ins Zentrum des Begehrens rücken, da sie zu versprechen scheinen, was Subjekte nicht mehr besitzen: Natur. Der kritische Diskurs über Mißbrauch stilisiert sie dagegen zu körperlosen Subjekten und vergißt, daß es dieser Subjektcharakter ist, der Begehren weckt.
[134] "Als mir vor Jahren zu ersten Mal der kleine Tod als Begriff für Orgasmus zu Ohren kam, war ich einfach nur begeistert. Wie schön klingt petite morte im Vergleich zu Höhepunkt, Klimax oder kommen. (...) Kommen ist mindestens so absurd wie Geschlechtsverkehr. Wann immer ich Geschlechtsverkehr lese oder höre, fahren kleine Autos in meinem Hirn hin und her. Nur mit äußerster Willensanstrengung gelingt es mir, den Begriff mit Sex zu assoziieren, und das ist wohl auch im Sinne des Erfinders. Trotzdem, GV (die Akü steigert die humoristische Wirkung) ist immerhin noch erschließbar. (...) Als mich zum ersten Mal ein Mann fragte, ob ich gekommen sei ... - was für eine bescheuerte Frage? Ich bin da, liege in seinem Bett. Irgendwie muß ich ja hingekommen sein. Die Franzosen sagen kleiner Tod. Ein zugegebenermaßen schönes Wort. Ein hübsches Paradoxon. Tot ist tot, ein bißchen tot gibt es nicht. Was aber kann der Tod mit diesem absoluten Glücksgefühl, das ein Orgasmus ist, gemein haben? Sexualität und Tod. Was verbindet diese beiden? Wo sind die Anknüpfungspunkte? Die Gottesanbeterin tötet ihr Männchen nach der Begattung (Be-Gatt-ung, auch wieder so ein ...). Die Spinnen geben ihr Männchen den lieben Kleinen als kleinen Imbiß mit in den Kokon. So aber Menschen? Bei Menschen sind Sexualmorde anders gelagert, und niemand würde da von einem kleinen Tod sprechen, wo Jack the Ripper am Werk war. Wo Vergleiche mit der Tierwelt nicht mehr greifen, bleibt nur noch, die Menschen beim Akt zu betrachten. Also Kamera umschwenken, auf ein Schlafzimmerfenster richten. Da ist das Bett, leer. Im nächsten Zimmer: mehr Erfolg. Besetzung: 1 Mann. Reglos. Nur ein weißer Fleck deutet noch auf eine Tätigkeit hin, die einen kleinen Tod zur Folge gehabt haben könnte. Die Beweislage ist dünn, der Fleck könnte auch von gestern sein. Also: Kameraschwenk. Ein Fenster, ein Bett, zwei Personen darin, na also. 5 Minuten später. Zur Wahrheitsfindung muß in das Gehirn der beiden geschaut werden. Aha, beide sind gek.... (Nee, ich weigere mich, das auszusprechen). Was macht der Mann? Er streichelt der Frau die Brust. Was macht die Frau? Sie schaut auf die Uhr. 22 Uhr zeigt der Radiowecker an. Das Streicheln des Mannes wird schwächer. Die Frau steht auf und geht auf eine Party. Der Mann schläft ein. Ein kleiner Tod? Die Kamera schwenkt weiter, zur nächsten Wohnung. Dort ist das Bett. Eine Frau betritt den Raum. Sie legt sich in das Bett. Ein kurzer Blick in ihr Gehirn gibt weiterhin Aufschluß: ... jetzt kommt sie zum Höhepunkt. Ein kleiner Tod? Die Frau steht auf, zieht sich an und hüpft aus dem Zimmer."
[135]"Gegen das Sexualitätsdispositiv kann der Stützpunkt des Gegenangriffs nicht das Sex-Begehren sein, sondern die Körper und die Lüste" (Foucault 1989a). Ähnlich Marcuse (1990): "Der Körper, der nicht mehr ganztägig als Arbeitsinstrument zur Verfügung stehen müßte, würde resexualisiert. Die mit dieser Ausbreitung der Libido verbundene Regression würde sich als erstes in einer Reaktivierung aller erogenen Zonen und damit in einem Wiederaufleben der prägenitalen polymorphen Sexualität und in der Abnahme des genitalen Supremats manifestieren. Der Körper in seiner Gesamtheit würde ein Objekt der Besetzung, ein Ding, dessen man sich erfreuen kann - ein Instrument der Lust". Aber sowohl der Körper als auch die Lust Foucaults sind längst im Sexualitätsdispositiv aufgegangen, und Marcuses Utopie stößt da an ihre Grenzen, wo zwar die Zeit der Lohnarbeit geringer wird, nicht aber die Zeit der Arbeit insgesamt.